Am 1. Januar wollte Julian Vonarb wieder einmal der Erste sein. Exakt eine Minute nach Mitternacht verschickte er Neujahrswünsche an seine Facebook-Fans, per vorbereiteter Videonachricht. Die Botschaft: Ich bin immer für Sie da. Selbst wenn Sie noch am ersten Glas Sekt des Jahres nippen.

Seit 2018 regiert Julian Vonarb in Gera, dieser 100.000-Einwohner-Stadt in Thüringen, und er ist eine Art personifiziertes politisches Versprechen. Ein parteiloser Banker und Unternehmensberater, aufgewachsen im Westen, in Freiburg. Seine Wahl zum Oberbürgermeister wurde im ganzen Land registriert: Denn im April 2018 war er derjenige, der Gera davor bewahrte, die erste Großstadt mit einem Rathauschef der AfD zu werden. Er war im zweiten Wahlgang der einzige verbliebene Gegenkandidat. Er gewann.

Man konnte in Julian Vonarb so etwas wie einen Heilsbringer sehen, einen Emmanuel Macron von Thüringen. Schon weil seine Geschichte tatsächlich etwas von der eines Provinz-Macron hat, sind auch die Erwartungen an ihn riesig: Wie in Frankreich waren die etablierten Parteien in Gera bereits geschlagen vom rechtspopulistischen Kandidaten. Wie Macron tauchte er, Vonarb, quasi aus dem Nichts auf und versprach, alles anders zu machen; eine neue Kultur zu bringen. Zu beweisen, wie man mit politischem Frust und Populismus umgeht. Und, schafft er es? Ist der Hoffnungsträger von Gera noch ein Mann, der Hoffnungen rechtfertigt?

Im Januar 2019, drei Wochen nach den Neujahrsgrüßen, sitzt Julian Vonarb im Markt 1, dem Restaurant im Geraer Ratskeller. Er trägt schwarzen Anzug, weißes Hemd. Aus der Brusttasche seines Anzugs blitzt ein weißes Einstecktuch.

Man begrüßt ihn, mehr aus Versehen, mit: "Hi." Er antwortet: "Fisch."

Als die Kellnerin das Wasser bringt, sagt er: "Merci, Madame." Seinen Espresso nach dem Essen will er "einfach – wie mein Gemüt". Manchmal spricht er von "screenen" oder "hard facts", beides sei wichtig in seinem Job. Als er niest, sagt er "scusate" (was sprachlich nicht ganz korrekt ist). Und wenn man ihn fragt, woran er sich messen lasse, sagt er: "Tag für Tag Gera besser gemacht zu haben, nichts anderes." Ist das noch Selbstbewusstsein? Ist es schon Größenwahn? Oder ist es, vielmehr, genau das richtige Mittel, eine etwas verschlafene, etwas schlecht gelaunte Stadt wieder in besseres Fahrwasser zu bugsieren?

Gera, muss man wissen, wurde im Spiegel noch 2017 als beinahe insolvente Stadt am Abgrund beschrieben. Bei der Bundestagswahl gewann, anders als bei der Bürgermeisterwahl, die AfD. Vonarbs Mission ist es auch, den Optimismus zurück nach Gera zu bringen. In seinem Wahlkampf versprach er genau das: Unter seiner Ägide werde die Stadt wieder pulsieren. Die Wirtschaft sei ihm besonders wichtig. Sein Plan, unter anderem: mehr städtische Investitionen, ein vernünftiges Marketing-Konzept, eine neue Technische Hochschule oder eine Bürgerstiftung, die sich um die Verschönerung der Innenstadt kümmert. "Ich trete an, damit meine Kinder nach ihrem Abschluss die Möglichkeit haben, in Gera zu bleiben", sagte er. Damit kämpfte er sich in die Stichwahl. Und wurde dort auch von den anderen Parteien unterstützt, nach einigem Zögern sogar von der Thüringer CDU. Der hatte er einst selbst angehört. Er war ausgetreten, um als Parteiloser ins Rennen gehen zu können.

Vonarb ist vor 16 Jahren nach Ostdeutschland gekommen. Er arbeitete hier bei der Commerzbank, gründete seine eigene Unternehmensberatung, lebte lange in Bad Köstritz nahe Gera. Erst kurz vor der Oberbürgermeisterwahl zog er direkt in die Stadt, Frau und Kinder holte er nach seinem Sieg hinterher. Warum er das Amt unbedingt wollte? "Weil ich mir die Kandidaten und Kandidatinnen angeschaut habe und ich der festen Überzeugung war und bin, dass ich besser geeignet bin als sie", sagt er.