Am Ende blieb eine weiße Wand. Dort, wo das Objekt des Anstoßes gestanden hatte. Im zweiten Stock des kleinen Kunstmuseums in Haifa hing Ende Januar nur noch ein kleines Schild mit der Aufschrift "McJesus" neben einer großen Leerstelle. Nur Tage zuvor hatte ein mannshohes Holzkreuz die Wand ausgefüllt, an dem die Figur des Ronald McDonald hing, des rot-gelben Fastfood-Maskottchens. Das Werk des finnischen Künstlers Jani Leinonen, ausgeliehen für die Ausstellung Sacred Goods, heilige Güter, im nordisraelischen Haifa, sollte die quasireligiöse Verehrung globaler Marken aufs Korn nehmen. Stattdessen hat es eine Debatte entfacht über Freiheit und Grenzen der Kunst, die zeigt, wie sehr sich die israelische Gesellschaft derzeit verändert.

Seit August letzten Jahres hatte Ronald McDonald in Haifa weitgehend unbemerkt am Kreuz gehangen, erst im Januar verbreitete sich das Foto der Skulptur in sozialen Medien, hochgeladen von einem empörten Besucher. Hunderte arabische Christen strömten daraufhin zu Protesten auf die Straße, drei Polizisten wurden bei Zusammenstößen verletzt. Die wackligen Handyvideos, die im Netz kursieren, erinnern an Proteste wütender Muslime anderswo im Nahen Osten: eine aufgewühlte Menschenmenge, Rufe auf Arabisch, junge Männer, die mit Polizisten rangeln und Steine schmeißen. Doch dieses Mal waren es Christen, die protestierten. Und trotz der Heftigkeit ihrer Reaktion erfuhren sie breite Rückendeckung aus der israelischen Politik: lokal und national, links und rechts.

Als eine der Ersten meldete sich Haifas Bürgermeisterin zu Wort, Einat Kalisch-Rotem, die einer linken Partei angehört und in Koalition mit arabischen Parteien regiert. "Die Skulptur wird so schnell wie möglich entfernt", schrieb sie auf Twitter. "Wir erkennen an, wie tief die Gefühle (der Christen) verletzt wurden." Aus dem gegnerischen politischen Lager erfuhren die Christen gleichfalls Unterstützung: Miri Regev, Kulturministerin von der rechten Likud-Partei, drohte gar, dem Museum die staatliche Förderung zu kürzen, und verkündete: "Ein Kunstwerk, das den gekreuzigten Jesus lächerlich macht, das wichtigste Symbol für Christen weltweit, kann nicht als Feigenblatt für Meinungsfreiheit dienen." Bei so viel Einigkeit – ließ sich der Konflikt rasch beilegen?

"Alle haben ihr Bestes getan", sagt Pater Yousef Yakoub, der an den Gesprächen mit dem Rathaus beteiligt war. "Wir standen alle auf derselben Seite." Yakoub vertritt die rund 3500-köpfige maronitische Gemeinde in Haifa, eine der größeren christlichen Gemeinden der Stadt, neben der griechisch-katholischen und der griechisch-orthodoxen Gemeinde. Er ist 42 Jahre alt, ein Mann, der eine große innere Ruhe ausstrahlt, zugleich wortgewandt und charismatisch; er dürfte ein guter Prediger sein. Er empfängt in seinem Kirchenbüro im Norden Haifas, an den Fenstern hängen schwere braune Vorhänge, an der Wand ein großes Kreuz.

Es war an einem Wochenabend gegen neun Uhr, erzählt er, als er zum ersten Mal von der Skulptur hörte, ein aufgeregtes Gemeindemitglied rief ihn an. Kurz darauf stand sein Handy kaum noch still. "Wir Priester wurden von unseren Leuten unter Druck gesetzt."

Pater Yousef hat schon eine weltliche Karriere hinter sich: Als junger Mann arbeitete er als Medizintechniker, bevor er für das Priesterstudium zeitweise nach Irland zog. Er lässt durchblicken, dass er die Aufregung um die Skulptur für vermeidbar gehalten hätte. Dennoch rechtfertigt er die Reaktion seiner Gemeinde. "Die Geschichte der Christen im Nahen Osten ist nicht zu vergleichen mit Europa", sagt er. "In unserer Region werden Christen ständig angegriffen: Der Islamische Staat hat sie gezielt verfolgt, in Ägypten gibt es ständig Anschläge gegen Kopten. Deshalb reagieren sie so empfindlich, wenn jemand ihr heiligstes Symbol verspottet. Das ist eine natürliche Reaktion der Selbstverteidigung." Man könne dem Kreuz nicht seine heilige Bedeutung nehmen. "Wird es missbraucht, ist das nicht Kunstfreiheit, sondern die Freiheit zum Missbrauch."

Wird in Westeuropa über Kunst- und Redefreiheit im Konflikt mit religiösen Empfindlichkeiten debattiert, stellt sich gewöhnlich eine breite Koalition aus Politik und Zivilgesellschaft hinter Künstler und Autoren. Doch in diesem innerisraelischen Konflikt ist die Seite der Freiheitsverfechter dünn besetzt. Lediglich einige linke und liberale Nichtregierungsorganisationen und Zeitungen verteidigten die Ausstellung. "Die Freiheit des Ausdrucks ist ein Wert höchsten Ranges", schrieb die Tageszeitung "Haaretz". Der Direktor des Museums in Haifa, Nissim Tal, gibt derzeit keine Interviews, ließ jedoch verlauten: "Wenn wir diese Kunst entfernen, werden am Tag darauf Politiker verlangen, weitere Dinge zu entfernen, und wir werden irgendwann nur noch bunte Blumenbilder im Museum haben." Schließlich meldete sich in einer absurden Volte der Geschichte auch noch der finnische Künstler selbst zu Wort: Er selbst verlange, die Skulptur abzubauen, jedoch nicht wegen der Proteste, sondern weil er sich inzwischen der antisemitischen BDS-Bewegung (Boycott, Divestment and Sanctions) angeschlossen habe, die jegliche Kooperation mit Israel ablehnt.

Rechtlich gesehen spricht einiges für die Kunstfreiheit. Zwar gibt es in Israel ein Blasphemie-Gesetz, das Gefängnisstrafen vorsieht, wenn jemand "ein Objekt, das von einer Gruppe von Personen als heilig betrachtet wird, zerstört oder entweiht". Es wird jedoch kaum angewandt. "Die grundlegende Haltung des Obersten Gerichtshofs war stets, dass eine liberale Gesellschaft wie Israel sehr, sehr tolerant sein sollte und dass nur sehr extreme, unerträgliche Dinge eine Einschränkung der Meinungsfreiheit rechtfertigen", sagte die Juristin Edna Harel-Fisher, früher Rechtsberaterin am Wissenschafts- und Kulturministerium, heute Forscherin am Israel Democracy Institute, einem liberalen Thinktank. "Es gab so gut wie keine Fälle, in denen der Gerichtshof einer Einschränkung der Meinungsfreiheit wegen verletzter Gefühle zustimmte."