"Ich freu mich, wenn’s regnet", sagte der Komiker Karl Valentin einst, "weil, wenn ich mich nicht freu, dann regnet es auch." Ein schöner Spruch. Und wenn’s in Strömen regnet? So richtig nasskaltgraufies, bis einem das Wasser in den Schuhen steht? Und niemand ruft an? Und die Stadtwerke haben den Strom abgestellt? Wenn man kein Glück hat und auch kein Geld, um sich welches zu kaufen?

Na, dann freut man sich halt umso mehr. Ändert ja nichts. Oder?

Der Valentin-Spruch ist um die hundert Jahre alt, scheint aber so beliebt zu sein wie nie. Wir haben ihn uns überall hingeschrieben, damit wir ihn bloß nicht vergessen: in die Twitter-Bio und das Tinder-Profil; ins Werbeblättchen fürs Philosophie-Seminar, auf die Witzpostkarte und den Kaffeebecher. Sich zu freuen, weil es schließlich auch regnen würde, wäre man traurig: So geht die Maxime der Gegenwart. Der kategorische Imperativ für die zarten Anfänge 21. Jahrhunderts.

Tausendmal gehört.

Leider beim eintausendundersten Mal immer noch falsch.

Der Satz ist so falsch, er bringt uns sogar um. Aber dazu gleich.

Was soll der Satz überhaupt bedeuten? Was heißt das: dass man sich freuen soll, wenn es regnet? Wer so denkt, der will sein Schicksal lieben. Amor Fati, so nennen das die Philosophen. Die Dinge hinnehmen, wie sie sind. Sie sogar richtig fest in den Arm schließen und herzen. Gutheißen, was nun einmal ist.

Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muss aufhören
Bazon Brock

Beispiel für einen Amor Fati: eine Frau Mitte dreißig. Ihre Beziehung mit ihrem Freund geht ins sechste, siebte, achte Jahr. Die Romantik von früher ist der Routine gewichen, mit der man gemeinsam bei Lanz einschläft und wegen Kleinigkeiten streitet. Aber eine Trennung wäre aufwendig. Und sind, so denkt sie, nicht alle Langzeitbeziehungen deformiert? Und geht nicht eben so die Liebe der Erwachsenen? Liebt sie ihn? Oder liebt sie nur noch die Tatsache, dass sie nun einmal ein Paar geworden sind? Liebt sie einfach bloß ihr Schicksal?

Ein anderes Beispiel: ein Mann Mitte vierzig, langweiliger Job. Aber gut bezahlt. Keiner liest die Berichte, die er ständig zu schreiben hat; und wenn er die drei Meetings am Tag ausfallen ließe, die Welt würde es nie merken. Aber sind nicht alle Jobs so, denkt er. Müssen wir nicht Geld verdienen? Wer darf schon eine Arbeit verlangen, die auch ein Vergnügen ist? Arbeit muss doch wehtun, auf die eine oder die andere Art. War schon immer so, wird auch so bleiben. Deswegen machen wir weiter. Gleich noch ein Meeting, dann durchhalten bis Lanz heute Abend. Sich freuen, wenn es regnet. So geht die Schicksalsliebe.

Wenn wir mal ganz rabiat sind, gibt es genau zwei Arten, unser Leben zu bestreiten. Nur zwei Lebensphilosophien, auf die sich alle Ratgeberliteratur, Gesprächstherapien und Altersweisheiten runterbrechen lassen. Der amerikanische Ethiker Steven Luper hat diese beiden Philosophien einmal die "östliche" und die "westliche" genannt.

"Es gibt zwei Wege, nach dem Glück zu streben", schreibt er. "Den 'westlichen' Weg, den wir 'Optimierung' nennen – wir versuchen, uns unsere Wünsche zu erfüllen. Und die 'östliche' Methode, die man vielleicht als 'Anpassung' bezeichnen könnte. Wir kontrollieren unsere Wünsche, bis uns gar nichts mehr verletzen kann – bis wir unverwundbar werden." Unverwundbar, weil wir uns keiner Schlacht stellen: Wir passen unsere Wünsche immer den Gegebenheiten an, die wir vorfinden. Und wo die Umstände widrig sind, versuchen wir nicht, sie zu ändern – sondern geben unsere Wünsche auf.

Diese Methode nennt Luper die östliche, weil sie oft mit der buddhistischen Tradition verbunden wird. Wünsche, so wird Buddhas Lehre gern zusammengefasst, bringen Leid. Wer Leid vermeiden will, muss seine Wünsche fallen lassen. Er muss trainieren, sich nichts mehr zu wünschen. Der Gelehrte Nyanaponika schrieb: "Wenn einem Kind ein geliebtes Spielzeug zerbricht, so wird es sicherlich traurig sein und weinen. Doch wird sich auch ein Erwachsener derartig verhalten? Gewiss nicht. Und warum? Er hat kein Begehren mehr nach dem Spielzeug, daher empfindet er bei seinem Verlust keinen Schmerz, kein Leiden. Wir sehen also, dass das Begehren, das Besitzenwollen der eigentliche Anlass des Schmerzes ist, nicht aber die äußere Tatsache des 'Zerbrechens'."