Es ist die vierte Stunde an einem Dienstag, als es in der "Hundeklasse" wieder mal etwas unruhig wird. Keiner kann sich mehr so richtig konzentrieren, ein paar Kinder wollen auch nicht mehr sitzen bleiben. Für die letzte halbe Stunde packt die Klassenlehrerin ihre Gitarre aus und singt mit den Schülern Meine Tante aus Marokko. "Es hätte jetzt einfach keinen Sinn mehr, mit dem Unterricht weiterzumachen", sagt sie.

So etwas ist an dieser Grundschule in Duisburg* immer mal wieder passiert. In den vergangenen Monaten war aber manchmal auch dann kein normaler Unterricht mehr möglich, wenn alle noch fit waren. Es gibt hier nämlich einfach nicht genug Lehrer, die Unterricht geben können.

Wenn niemand da ist, der vor einer Klasse stehen kann, müssen die Schüler dorthin, wo es einen Lehrer gibt. Viele Klassen werden deshalb an bestimmten Tagen aufgeteilt. Dann sind einige Räume leer, dafür drängen sich in anderen die Schüler. Auch in die "Hundeklasse" kommen seit dem Sommer immer wieder Schüler anderer Klassen. An die kleinen Gruppentische werden dann ein paar extra Stühle gestellt, und alle müssen etwas enger zusammenrücken. "Ich bekomme manchmal Kopfschmerzen, weil es so laut ist", sagt Achmad. Der Zehnjährige musste auch selbst schon in andere Klassen umziehen. Dort sitzt er mit Jüngeren zusammen, denen er helfen muss. "Oder wir sollen still unsere Aufgaben erledigen. Ich habe dann aber oft keine Lust zu arbeiten", sagt er.

An der Duisburger Grundschule kann man etwas beobachten, worüber Erwachsene seit Monaten diskutieren: Was passiert, wenn es an einer Schule zu wenig Lehrer gibt? Im Sommer meldete ein Zusammenschluss von Lehrern, dass in ganz Deutschland rund 40.000 Kollegen fehlen. Experten schätzen, dass es in den nächsten sechs Jahren nicht besser wird. Besonders an den Grundschulen und im Bundesland Nordrhein-Westfalen, wo Duisburg liegt, werden viel mehr Lehrer gebraucht.

An der Duisburger Schule sollen eigentlich zwölf Lehrer arbeiten, es sind aber nur acht da – genauso viele, wie die Schule Klassen hat. Das heißt: Wenn jetzt ein Lehrer ausfällt, gibt es keinen Ersatz für ihn. Im vergangenen Halbjahr hatte die "Hundeklasse" zwei Monate lang gar keinen Sportunterricht. "Ich spiele zwar auch noch im Verein Fußball, aber dass wir kein Sport in der Schule hatten, fand ich trotzdem doof", sagt Achmads Mitschüler Juliano. Dem Zehnjährigen fehlt die Bewegung, vor allem, wenn er sich in den anderen Stunden mit mehr als 30 Kindern in einen Klassenraum quetschen muss. "Ich werde dann schnell zappelig", sagt er.

Erst vor ein paar Tagen war ihr Klassenzimmer wieder überfüllt, erzählt die Lehrerin der "Hundeklasse". Eigentlich sollten es nie mehr als 20 Schüler sein. Aber der Lehrer einer anderen Klasse war krank geworden. Da niemand für ihn einspringen konnte, mussten die Kinder irgendwie in den übrigen Klassen mitmachen. "Die ersten zwei Stunden war es ruhig", sagt die Lehrerin. Aber nach der Pause sei an normalen Unterricht nicht mehr zu denken gewesen. Alle hätten sich gegenseitig abgelenkt.

"Wenn wir so viele in der Klasse sind, haben wir mehr Streit und Ärger", sagt David, der ebenfalls in die "Hundeklasse" geht. "Manche Kinder schreien und schlagen. Einmal ist sogar eine Tür kaputtgegangen", erzählt sein Mitschüler Alfred. Lehrer müssen natürlich unterrichten, aber sie schlichten auch Streit, sorgen für Ruhe und sollen darauf achten, dass alle Kinder mitkommen. Das ist ziemlich viel Arbeit auf einmal. Und wenn man zu viele Schüler betreuen muss, ist das schwer zu schaffen.