Anders als sein Vorgänger Karl Kardinal Lehmann lebt Peter Kohlgraf im direkten Schatten des Mainzer Doms. Hier, in einem Haus aus dem 19. Jahrhundert, hat er Quartier bezogen in einer Dreizimmerwohnung. Bis unter die Decke türmen sich im Büro des Bischofs die Bücher. Die gesammelten Werke Thomas Manns stehen gleichrangig neben Kriminalromanen englischer Herkunft. Nur die Bibel in der Übersetzung Martin Luthers hat einen Sonderplatz am Fenster erhalten.

Frage: Herr Bischof, der Papst hat alle Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Ende Februar nach Rom geladen, um über die Folgen des Missbrauchsskandals zu diskutieren. Was wird bei dem Treffen aus Ihrer Sicht herauskommen?

Bischof Peter Kohlgraf: Die Sensibilität ist beim Thema Missbrauch in den verschiedenen Regionen der Weltkirche noch sehr unterschiedlich ausgeprägt. Der Papst wird das Treffen nutzen, um allen die Brisanz des Problems vor Augen zu führen.

Frage: Das klingt, als erwarteten Sie keine konkreten Ergebnisse.

Kohlgraf: Ich bin kein Wahrsager. Allerdings glaube ich, dass das Treffen die hochgesteckten Erwartungen in Deutschland nicht erfüllen wird und auch nicht erfüllen kann.

Frage: Wenn es auf weltkirchlicher Ebene schwer ist, zu konkreten Beschlüssen zu kommen, wäre dann nicht ein Treffen auf nationaler Ebene sinnvoller, eine Art Synode unter Beteiligung von Laien und unabhängigen Fachleuten?

Kohlgraf: Das würde ich begrüßen. Wir brauchen dringend neue Gesprächsformate, bei denen Bischöfe, Priester, Laien und Experten über die großen praktischen und theologischen Fragen diskutieren, die sich durch die Erkenntnisse aus der Studie der Bischofskonferenz über den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Kleriker ergeben.

Frage: Welche Fragen sind das?

Kohlgraf: Zum Beispiel die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Thema Homosexualität. Oder auch die Frage nach der Zukunft des Pflichtzölibats.

Frage: Vor wenigen Tagen saß der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz in Würzburg zusammen, also die 27 deutschen Ortsbischöfe. Dabei soll eine Gruppe von Bischöfen, darunter Sie, genau so eine deutsche Missbrauchssynode gefordert haben.

Kohlgraf: Ich weiß nicht, woher Sie die Information haben. Die Tagungen des Ständigen Rats sind vertraulich.

Frage: Stimmt die Information denn?

Kohlgraf: Ich dementiere sie nicht.

Frage: Sie sind mit Ihrem Vorstoß vor allem am Widerstand einiger konservativer Bischöfe gescheitert. Es soll dabei hoch hergegangen sein.

Kohlgraf: Ich bitte um Verständnis, dass ich über vertrauliche Gespräche keine Auskunft geben kann.

Frage: Sind Sie denn nicht enttäuscht, dass Sie mit Ihrer Initiative gescheitert sind? Der Ständige Rat konnte sich lediglich darauf verständigen, einige Arbeitsgruppen zu gründen. Mut sieht anders aus.

Kohlgraf: Natürlich bin ich enttäuscht. Ich glaube aber, dass das Ende des Weges damit noch nicht erreicht ist.

Frage: Woran ist denn die Idee einer nationalen Missbrauchssynode gescheitert?

Kohlgraf: Noch mal: Ich kann und will nicht ins Detail gehen. Nur so viel: Ich glaube, dass der Begriff der Synode einfach ein wenig zu groß für manche war.

Frage: Würden Sie sagen, dass die Kritiker des Projekts keine Veränderung wollen?

Kohlgraf: Keineswegs. Allen Bischöfen ist bewusst, dass wir als Kirche nicht so weitermachen können wie bisher. Die Zeiten, da Bischöfe schalten und walten konnten, wie sie wollten, sind definitiv vorbei. Es ist deshalb Konsens unter allen Bischöfen, dass die Kirche sich öffnen und verlorenes Vertrauen zurückgewinnen muss. Differenzen gibt es nur über die Frage, wie das gehen soll.

Frage: Die von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene MHG-Studie hat ergeben, dass verheiratete Diakone wesentlich seltener zu Missbrauchstätern werden als zölibatär lebende Priester. Müsste dann nicht eine Konsequenz lauten, den Pflichtzölibat abzuschaffen?

Kohlgraf: Der Zusammenhang zwischen Zölibat und sexuellem Missbrauch ist komplex und wird selbst unter Experten kontrovers diskutiert. Sicherlich ist es ein Trugschluss, anzunehmen, ohne Zölibat gäbe es keinen Missbrauch in der Kirche.

Frage: Aber ohne Pflichtzölibat könnten Priester ihre Sexualität in den geregelten Bahnen der Ehe leben und müssten sie nicht unterdrücken. Glauben Sie, dass es den Pflichtzölibat in zehn Jahren noch geben wird?

Kohlgraf: Ich hoffe, dass es in zehn Jahren noch Menschen in der katholischen Kirche gibt, die sich aus religiösen Gründen freiwillig für die Ehelosigkeit entscheiden. Aber die Verpflichtung zur Ehelosigkeit als einzigem Weg wird dann möglicherweise der Vergangenheit angehören.

Frage: Ist da nicht der Wunsch der Vater des Gedankens?

Kohlgraf: Ich würde es begrüßen, wenn es unterschiedliche Zugangswege zum Priesteramt gibt.

Frage: Glauben Sie ernsthaft, dass das in der Weltkirche durchsetzbar ist?

Kohlgraf: Weltweit ist eine Abkehr vom Pflichtzölibat sicher nicht mehrheitsfähig. Allerdings wäre es möglich, diese Frage den nationalen Bischofskonferenzen zu überlassen. Theologisch spricht nichts dagegen. Zudem hat Papst Franziskus die Entscheidungsbefugnisse der nationalen Bischofskonferenzen in seinem Pontifikat stets betont und gestärkt.

Frage: Erhoffen Sie sich, dass das ein Ergebnis des Missbrauchstreffens in Rom sein könnte?

Kohlgraf: Nein. Ich glaube, dass der Zölibat da noch keine Rolle spielen wird. Es werden wahrscheinlich eher Fragen der Prävention sowie die Analyse der strukturellen Ursachen des Missbrauchs im Vordergrund stehen.