Einige Jahre nach dem Sportklub Rapid hat nun auch die Wiener Austria ihre Vereinsgeschichte während der Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet. Damit findet auch eines der wohl außergewöhnlichsten Schicksale der jüngsten österreichischen Geschichte erneut Aufmerksamkeit.

Das "gute Österreichische", so Ludwig Wittgenstein in seinen Vermischten Bemerkungen, sei besonders schwer zu verstehen: "Es ist in gewissem Sinne subtiler als alles andere, und seine Wahrheit ist nie auf Seiten der Wahrscheinlichkeit."

Einer von zahllosen Versuchen zur Annäherung an jenes offensichtlich so überaus diffizile, schwer fassbare Phänomen führt mich zu Beginn dieses Jahrhunderts an eine absolute Top-Adresse inmitten der Wiener City, den Wohnsitz von Franz Schwarz, einem wohlbestallten Immobilienmakler und dem Sohn des legendären Präsidenten des Wiener Fußballvereins Austria. Gediegenes Interieur, herausragende Einzelstücke, alles in allem aber überwiegt der Eindruck des Bohemienhaften, Assoziationen zur Kreisky-Villa in Döbling drängen sich förmlich auf. Es soll kein Zeitzeugeninterview im herkömmlichen Sinn werden, mehr ein instruktiver Gedankenaustausch: Stück für Stück, zunächst nur zögerlich und beinahe widerstrebend, fließt sein persönliche Erleben in der Nazi-Zeit in das Gespräch ein. Als Pflasterer und Korbflechter habe er sich verdingt, schließlich sei er untergetaucht und ein sogenanntes U-Boot geworden, ohne Identität und offiziell nicht existent, versteckt vor dem Zugriff des Nazi-Terrorapparats durch Angehörige der gehobenen Wiener Gesellschaft, größtenteils selbst Nazis oder doch Sympathisanten.

Sie hätten einiges riskiert, den "Judenbuben" de facto von der Bildfläche verschwinden zu lassen, aber vermutlich war ihre Loyalität zur Austria, zur Idee des Vereins doch sehr ausgeprägt; er habe das auch niemals hinterfragt oder die Namen seiner Retter öffentlich gemacht. Derlei Vorgehen wäre ohnedies nicht goutiert worden, und eigentlich ginge es ja auch nicht um seine Person, sondern um die schier unglaubliche Geschichte der Flucht und Wiederkehr seines Vaters. Und er breitet dann, anhand von vergilbten Fotos, Dokumenten und Briefen, ebendiese Geschichte bis ins Detail aus.

Der Lagerkommandant muss ein Anhänger der Wiener Austria gewesen sein

"I oba, Herr Doktor, werd’ Ihna immer grüß’n!" Matthias Sindelar, genannt der "Papierene" und die zentrale Figur des österreichischen Wunderteams der frühen Dreißigerjahre, reagierte auf seine Weise, als nach der nationalsozialistischen Machtübernahme der langjährige Austria-Präsident Emanuel Michl Schwarz durch den neu installierten Vorstand kaltgestellt und mit Grußverbot belegt worden war. Der zu seiner Zeit weltbeste Mittelstürmer erinnerte sich gut, war doch der "Fußballdoktor" Schwarz sein maßgeblicher Förderer gewesen. 1925 hatte er ihn zu einer Meniskusoperation gedrängt – ein zum damaligen Zeitpunkt hoch riskanter Eingriff, der jedoch die Karriere Sindelars letztlich retten sollte.

Die Austria Wien, so eine zeitgenössische Selbstdarstellung des Vereins, repräsentiere eine ganz eigene Marke, sei ebenso sehr ein Gesellschafts- wie ein Fußballklub, an dessen Spitze stets ein Doktor oder Professor stünde. Die Inkarnation dieses Prinzips war Emanuel Schwarz: Der Kaufmannssohn war ein brillanter Student bei den Größen der berühmten Wiener medizinischen Schule, Kurarzt, Weltkriegsoffizier, Vertrauensarzt der haute bourgeoisie der Stadt. Er entwickelte eine ausgeprägte Vorliebe für das neuartige Massenspektakel Fußball. Seit 1931 auch formal an die Spitze der Austria getreten, zeichnete sich der Medizinalrat durch einen soliden patriarchalischen Umgang mit seinen Spielern aus, die er grundsätzlich kostenlos zu behandeln pflegte; dafür, so meinte er, würden ja ohnehin "die Rothschilds und die Starhembergs" zahlen.

Zwei Siege im Mitropacup, dem frühen Vorgänger der Champions League (1933 und 1936) sind die Glanzpunkte einer Präsidentschaftsära, die 1938 jäh zu ihrem Ende kommt. Der Ex-Austria-Spieler, illegale Nationalsozialist und SA-Sturmbannführer Hermann Haldenwang soll den Verein unter dem Namen "Ostmark" neu organisieren, ein Gutteil des alten Vorstandes ist vom Verbot jüdischer Tätigkeit im Sport betroffen. Das Bildnis von Schwarz im Sekretariat hat unverzüglich durch ein Führerporträt ersetzt zu werden. Klubsekretär Egon Ulbrich – der auch die Umbenennung der Austria erfolgreich bekämpfen wird – setzt eine Großtat von geradezu schwejkscher Dimension: Er dreht das Bildnis einfach um und appliziert auf dessen Rückseite ein Hitler-Bild, wo es in genau dieser Form bis Kriegsende verbleibt.