An diesem Tag ist es für sibirische Verhältnisse mild, minus 15 Grad. Schneeflocken tanzen im Sonnenlicht, dick eingepackte Kinder ziehen ihre Schlitten zur Rodelbahn, russische Pophits flirren durch die Luft. Ich stehe in der Taiga, kneife die Augen zusammen, weil mich die weiße Landschaft blendet. Schaue auf die sanften Berge mit verschneiten Nadelbäumen ringsum, atme durch, als Wladimir vorbeikommt: "Wie wär’s mit Volleyball?"

Wir wollten einen Kurztrip machen, dem Stress mal entkommen. Erschöpfte Städter in Deutschland buchen in so einem Fall ein verlängertes Wochenende in der Natur und schrumpeln in Spa-Tempeln vor sich hin. Entschleunigen! Energie tanken! Wir leben in Moskau und hatten von einer Reise in einem Zug namens "Wintermärchen" gehört: einem Ski-Zug, der durch Sibirien fährt, bis er an einem Ort mit schönstem Schnee hält. Der Zug sollte Schlafzimmer, Waschraum und Skiverleih in einem sein, mit einem Programm am Ziel von Langlauf und Alpinski bis zu – Volleyball. Weil das alles so herrlich russisch klingt, buchten wir für rund 90 Euro pro Person zwei Plätze in Waggon 7, Abteil 4.

Samstagabend in Nowosibirsk, im schönsten Bahnhof, den ich je gesehen habe, mit mächtigen Säulen und prachtvollen Lüstern. Um 19.30 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. Nach 13 Stunden werden wir die Endstation erreichen, ein Abstellgleis in Gornaja Schorja in Westsibirien. Wir suchen unser Abteil. Ich hieve mich auf die Pritsche oben links, mein Freund Sebastian auf die gegenüber. Ein Bett bleibt frei, weil eine Weronika es sich anders überlegt hat. Schräg unter mir breitet sich Alexander aus. Er arbeitet bei der Westsibirischen Eisenbahn, deren Tochterunternehmen den Zug betreibt, ist jung, blond und ein Riese.

Dann beginnt die Zug-Choreografie. In den Abteilen werden Jogginganzüge herausgekramt und Verrenkungen vollzogen beim Versuch, sich auf dreieinhalb Quadratmetern umzuziehen. Schlappen werden übergestreift, die Vorräte kommen auf den Tisch. Wir haben anzubieten: Wodka (nicht schlecht), gefüllte Teigtaschen (okay, aber zu wenig), naturbelassene Nüsse und Kerne (total peinlich). Alexander ist besser vorbereitet. Stellt Kognak auf den Tisch und Fleischpasteten, holt Fertigkartoffelbrei und Instantnudeln hervor, die wir mit Wasser aus dem Zug-Samowar aufgießen. Wir stoßen an, auf das Treffen, die Reise, Sibirien. Dann schaut der Instruktor Wladimir vorbei.

Wladimir ist durchtrainiert, um die 60, hat die Aura eines sibirischen Zen-Meisters und unterrichtet unter der Woche Telekommunikation an der Universität Nowosibirsk. Wie die anderen Betreuer begleitet er den Zug ehrenamtlich. "Wir Instruktoren sind Verrückte. Hier mitzufahren ist kein Hobby", sagt er: "Das ist eine Krankheit." Wladimir hat sich vor einem Vierteljahrhundert angesteckt. Und nicht nur er, auch die meisten anderen Instruktoren fahren schon lange mit. Da ist Andrej mit den Goldzähnen, seit 48 Jahren dabei. Oder Wiktor: seit gut 20 Jahren an Bord. Im Zug betreut jeder von ihnen einen Waggon. In der Taiga zeigen sie den Städtern, wie man Ski fährt, verarzten Wunden, singen abends am Lagerfeuer sowjetische Chansons zur Gitarre, erzählen wilde Geschichten aus vergangener Zeit, als sie nachts verirrte Touristen in der Taiga suchten. Oder Bären sie aufspürten. Oder eine Lawine den Zug unter sich begrub.

Wer damals, zu Zeiten der Sowjetunion, als Instruktor anheuerte, die Gitarre nahm und in der Weite der Natur durchatmete, hielt dann oft die Enge im eigenen Land etwas besser aus. Die Jungen heute, klagt einer, wollten hingegen coole Unterkünfte und Partys, statt ohne Bezahlung die Feiertage auf Schienen im Wald zu verbringen.

Dieser Zug ist so was wie der letzte seiner Art. Früher fuhr er jedes Winterwochenende, heute rollt er nur noch an Feiertagen: an Silvester, an Weihnachten, am Frauentag. Einst reisten gut 600 Passagiere mit, inzwischen sind es knapp die Hälfte.

Ihnen will man bieten, was nur möglich ist. In jedem Abteil liegt das Detail-Programm für die nächsten Tage aus: Langlauf, Wandern, Alpinski, Disco, Lagerfeuer, Kinderkino, Rodeln, Banja, Grill. "Erholung von der ersten Minute an!", locken die Organisatoren, und ich frage mich, wie viel Leben in 32 Stunden passt – so lange ist unser Aufenthalt.