Sie dürfte in die Lehrbücher eingehen – als Beispiel dafür, was bei einem öffentlichen Streit aus Sicht der Wissenschaft alles schieflaufen kann. Die Stickoxid-Debatte zeigt, wie ein pensionierter Arzt eine ganze Forschungsdisziplin in die Defensive drängen, etablierte Erkenntnisse als unsicher erscheinen lassen und quasi über Nacht die deutsche Luftreinhaltepolitik ins Wanken bringen kann.

Das Erstaunliche daran: Dafür waren weder neue Studien nötig noch Forschungsergebnisse, es genügte ein zweiseitiges Papier. Darin vertrat der Pneumologe Dieter Köhler Ende Januar mit hundert Gleichgesinnten die These, es gebe "keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte", und bestimmte damit tagelang die Schlagzeilen. Seither hat in Sachen Luftqualität hierzulande vor allem eines zugenommen: die Verunsicherung. Bei vielen Bürgern entstand der Eindruck, die Wissenschaft sei sich bei diesem Thema uneins und die Gefahr durch Luftschadstoffe daher letztlich Ansichtssache.

Bei Experten, die selbst auf diesem Gebiet forschen, herrscht darüber pure Fassungslosigkeit. Gebetsmühlenartig verweisen sie inzwischen darauf, dass es rund 30.000 Studien zum Thema Luftschadstoffe gibt und eine "überwältigende Beweislage" zur Gefährlichkeit von Feinstaub und Stickoxiden. Über einzelne Grenzwerte, die stets eine politische Setzung sind, kann man zwar streiten. Dass aber die Luftschadstoffe der Gesundheit abträglich sind, darüber besteht unter Forschern flächendeckend Einigkeit.

Dies wirft die Frage auf: Warum drang die Wissenschaft mit dieser Botschaft so wenig durch? Warum geriet eine ganze Fachdisziplin (die Epidemiologie) und eine gut beleumundete Großforschungsorganisation gegenüber dem Privatmann Köhler so ins Hintertreffen?

Die Antwort beginnt mit der Erkenntnis, dass Köhlers Kritik auch deshalb so eine Wirkung entfaltete, weil sie vielen Auto-Lobbyisten hervorragend ins Konzept passte und nach allen Regeln der medialen Kunst eskaliert wurde. In großen Lettern verkündete die Bild-Zeitung den "Ärzte-Aufstand gegen Feinstaub-Hysterie", die Welt adelte Köhlers Privatinitiative (zu deren Urhebern unter anderen der Autoingenieur und Diesel-Entwickler Thomas Koch gehört) gar zu einem offiziellen "Papier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP)". Dabei haben nur rund 100 von 3800 DGP-Mitgliedern das Papier unterschrieben, 97 Prozent der Lungenfachärzte stellten sich nicht hinter Köhlers Ansichten.

Eine Woche brauchten die Forscher für ihre Stellungnahme – eine halbe Ewigkeit

Doch solche Feinheiten gingen in der allgemeinen Erregung unter. Einige Wissenschaftsjournalisten versuchten zwar tapfer, die Sache einzuordnen und andere Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Redakteure des ZDF-Magazins Frontal21 und das 3sat-Wissenschaftsmagazin nano machten sich die Mühe, die Unterzeichner von Köhlers Liste anzuschreiben und zu fragen, inwiefern sie sich selbst mit der Gefährlichkeit von Stickstoffdioxid oder Feinstaub beschäftigt hätten. Ergebnis: Keiner der Antwortenden konnte auf eigene Forschungspublikationen zum Thema verweisen; die große Mehrheit gab an, zur Gefährlichkeit von Diesel-Abgasen überhaupt keine wissenschaftliche Expertise zu besitzen.

Doch da war Köhler längst im heute journal auf Sendung gegangen, hatte bei hart aber fair seine Grenzwert-Kritik vorgetragen und damit das Thema gesetzt, das in den sozialen Medien und auf Twitter so lange weiter kommentiert wurde, bis sich kaum noch jemand für die zugrunde liegende Evidenz interessierte.

Einmischung wird nach Möglichkeit vermieden

Es wäre jedoch zu wenig, nur die medialen Reflexe zu beklagen. Hat doch die Wissenschaft selbst ein schwaches Bild abgegeben, insbesondere das Deutsche Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt in München. Dieses hatte die Gefahren von Feinstaub und Stickoxiden untersucht und stand im Zentrum von Köhlers Kritik. Doch wer einen prompten Aufschrei erwartet hatte, wurde enttäuscht. Eine Woche lang herrschte in München Schweigen, bis dort eine ausführliche (und für Laien schwer verständliche) Stellungnahme auf der Homepage erschien.

Gründlichkeit brauche eben Zeit, verteidigt sich das Großforschungszentrum. Man habe sich bemüht, die "wissenschaftlichen Fakten mit detaillierten Quellenangaben und solider Expertise" zu kommunizieren. Außerdem habe ein Experte des Zentrums ja auf Anfragen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und der Süddeutschen Zeitung (SZ) reagiert und sich dort geäußert.

Diese Antwort zeigt das ganze Dilemma: Es reicht längst nicht mehr, nur in großen Qualitätszeitungen zu Wort zu kommen. Wer aktuelle Debatten prägen will, muss auch auf allen anderen Kanälen präsent sein – von der Tagesschau bis Twitter. Vor allem muss die Reaktion schnell sein: Eine Woche ist in der heutigen Erregungsgesellschaft eine Ewigkeit. Wer sich da mit detaillierter Quellenarbeit aufhält, wirkt wie ein Feuerwehrmann, der angesichts eines brennenden Hauses eine penible Aufstellung aller verbauten Holzarten anfordert.

Zur Löschung der Aufregung hätten die Münchner Forscher Köhlers Argumente grob, aber schnell einordnen müssen: etwa dass Stickoxide in der Luft zwar nicht sofort tödlich sind (da hat Köhler recht), dass sie aber als "Leitsubstanz" das Vorhandensein vieler anderer Luftschadstoffe anzeigen, die insbesondere für Ältere, Kranke und Kinder gefährlich sind; dass Feinstaub definitiv krebserregend ist; oder dass Köhler zwar seinen Gegnern pauschal Unwissenschaftlichkeit und Ideologisierung vorwirft, seine eigenen Argumente aber nie dem peer review-Prozess einer Fachzeitschrift und der Begutachtung durch Fachkollegen aussetzte – was in höchstem Maß unwissenschaftlich ist.

Warum haben es die Forscher versäumt, solche Argumente aktiv in Umlauf zu bringen? Seit Jahren wird doch mehr "Wissenschaftskommunikation" gefordert, jede größere Einrichtung hat heute Pressesprecher oder ganze -teams, in diese Bemühungen fließt enorm viel Geld. Das gilt auch für die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands, die Helmholtz-Gemeinschaft, zu der das Münchner Zentrum gehört.

Doch die traurige Wahrheit lautet: Unter Kommunikation verstehen die meisten Institutionen vor allem das Marketing in eigener Sache. Kommuniziert wird, was dem Ruf des eigenen Hauses nützt. Was nicht diesem Ziel dient oder gar zu Ärger führen könnte – etwa die Einmischung in eine hoch politisierte Debatte –, wird nach Möglichkeit vermieden. Und auf schnelle Krisenkommunikation sind wissenschaftliche Einrichtungen oft nicht eingestellt.

"Das ist etwas, das wir aus dieser Episode lernen müssen", sagt selbstkritisch der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Otmar Wiestler, im Gespräch mit der ZEIT. "Wir kommunizieren kontinuierlich über unsere Forschung und reagieren täglich auf zahlreiche Anfragen. In diesem Fall allerdings waren wir zu langsam, da müssen wir überlegen, wie wir schneller sprechfähig werden." Von einer besseren Krisenreaktionsfähigkeit spricht Wiestler, die brauche es heute auf vielen öffentlichkeitsrelevanten Gebieten – "nicht nur beim Feinstaub, sondern auch beim Thema Klima".

Ein Vorbild könnte das Science Media Center in Köln sein, das 2016 gegründet wurde. Das von dem Journalisten Volker Stollorz geleitete SMC sammelt zu brisanten Themen schnell Experteneinschätzungen ein und stellt diese registrierten Nutzern kostenfrei zur Verfügung. Für Wiestler ist das SMC zumindest "ein interessantes Projekt, das mittlerweile als beachtlicher Informationsträger wirkt". Finanziert hauptsächlich von der Klaus Tschira Stiftung, ist der große Vorteil des SMC seine Unabhängigkeit; weder muss es Schlagzeilen liefern noch sich um den Ruf einer Institution sorgen.

Für manche Forscher wünschte man sich dringend ein Medientraining

Stollorz selbst hat in der ZEIT bereits ein ähnliches Gremium für die Wissenschaft vorgeschlagen: ein "Eulen-Komitee", das aus Natur-, Technik-, Geistes- und Sozialwissenschaftlern sowie Medienprofis bestünde, die bei komplexen Streitfragen schnell Überblick herstellen sollen. Eine solche Institution müsste etwa beim Streit über Luftschadstoffe sowohl den Kenntnisstand wie auch offene Fragen darlegen. Ähnliches wünscht sich wohl auch Kanzlerin Merkel: Sie hat nun die Nationalakademie Leopoldina beauftragt, eine unabhängige Expertise zum Thema Luftschadstoffe zu erstellen – bis diese fertig ist, werden allerdings Wochen oder gar Monate vergehen.

Solche Gremien können daher sicher nicht alle Probleme lösen. "Ein Eulen-Komitee wäre binnen Kurzem überlastet", prognostiziert etwa Julika Griem, Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Auch die Auswahl der Mitglieder wäre problematisch; niemand sei so allwissend, alle strittigen Fragen auflösen zu können. "Zur pluralistischen Wissenschaft gehört es nun einmal, dass mitunter die Fachmeinungen aufeinanderstoßen und Studie gegen Studie steht." Diese Offenheit und Uneindeutigkeit müsse man aushalten – was für Griem aber nicht heißt, dass in jedem Fall alle Standpunkte gleichberechtigt sind.

Gerade den Fall Köhler sieht sie als warnendes Beispiel für "die Reiz- und Reaktionsdynamiken populistischer Wissenschaft". Da müsse die Forschung auch einmal deutlich Stellung beziehen. Das aber könne man nicht an ein übergeordnetes Gremium delegieren, meint Griem, das müssten die zuständigen Institute und Fachwissenschaftler selbst leisten.

Wer Debatten prägen will, darf keine Scheu haben, Kollegen zu kritisieren

Eine solche Krisenreaktionsfähigkeit aber erfordert ein Umdenken auf mehreren Ebenen. Dazu müssen Forscher zum Beispiel die Scheu ablegen, andere Fachkollegen zu kritisieren. Anders als Dieter Köhler, der einer ganzen Disziplin pauschal Unwissenschaftlichkeit unterstellte, schrecken etablierte Forscher vor deutlichen Worten oft zurück – weil sie sich nicht auf das Niveau solcher Debatten begeben wollen, weil sie um ihre Neutralität fürchten oder schlicht weil sie Nachteile für die Karriere fürchten. Doch in öffentlichen Debatten ist diese Art der Leisetreterei kontraproduktiv.

Für manche Forscher wünschte man sich auch dringend ein Medientraining. Exemplarisch war das vorvergangenen Sonntag bei Anne Will zu besichtigen, wo der emeritierte Epidemiologe Heinz-Erich Wichmann eigentlich Köhler hätte Paroli bieten sollen. Doch der Fachmann für Luftschadstoffe tauchte so in die Details der Materie ab, dass nur noch wenige Zuschauer mitkamen.

Nun kann man das Wichmann kaum vorwerfen: Talkshow-Fähigkeit war in seiner Karriere nie gefragt. Eigentlich hätte an seiner Stelle auch Annette Peters sitzen sollen, die heutige Leiterin der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum, die schnell und schlagfertig reagieren kann – nur leider an diesem Tag krankheitshalber ausfiel. Doch die Fernseh-Debatte zeigt, wie wichtig heute Forscher sind, die den medialen Auftritt beherrschen.

Aus dem Stickoxid-Debakel lassen sich also gleich mehrere Lehren ziehen. Dabei sollte sich keine Disziplin in Sicherheit wiegen: Was heute den Epidemiologen widerfuhr, kann morgen Klima- oder Genforscher treffen, Biomediziner oder Robotiker. Sie alle können sich an der Einsicht des legendären Reporters Egon Erwin Kisch orientieren: "Zu lernen ist, dass nicht die bessere Sache den Sieg erficht, sondern die besser verfochtene Sache."