Etwas Positives vorweg: Der Autor Ben Brooks tut nicht so, als hätte er eine originelle Idee gehabt. Er wirbt sogar damit, dass sein Buch entstand, weil er ein anderes, sehr erfolgreiches Kindersachbuch kopiert hat: die Good Night Stories for Rebel Girls. Darin haben die Autorinnen Elena Favilli und Francesca Cavallo 100 Kurzbiografien von Frauen versammelt, die sich auf verschiedenste Art nicht an gesellschaftliche Regeln gehalten haben. Illustriert von mehr als 60 Künstlerinnen aus allen Teilen der Erde, ist so ein im besten Sinne lehrreiches und ermutigendes Buch über starke Frauen entstanden.

Brooks glaubt, dass auch Jungen ein Recht auf so ein tolles Leseerlebnis haben. Damit hat er sicher recht – leider hat Brooks aber nicht einfach einen Stapel Rebel Girls-Bücher gekauft und sie an Jungen verschenkt, sondern ein Buch mit 100 männlichen Vorbildern geschrieben.

Das allein wirkt schon befremdlich, denn bisher haben Jungen weder unter einem Mangel an Identifikationsfiguren noch an einem Übermaß an Heldinnen in Büchern gelitten. Vorsichtshalber gibt Brooks seinem Kopiewerk einen total besonderen Dreh: Seine Stories for Boys Who Dare to be Different (so auch der deutsche Titel) sollen denjenigen Mut machen, die irgendwie anders sind. Seine Männer stellt Brooks auf je einer Doppelseite vor, ein Text, eine Illustration – wie bei den Rebel Girls, nur längst nicht so gut umgesetzt.

Von der handwerklichen Lieblosigkeit abgesehen, ist auch die Auswahl der Vorbilder verstörend: Neben naheliegenden Personen wie Barack Obama (schwarzer Präsident mit Sinn fürs Soziale) und Stephen Hawking (behindertes Genie) wird zum Beispiel die Andersartigkeit des Harry-Potter-Darstellers Daniel Radcliffe gepriesen, dem als Kind wohl eine Koordinations- und Entwicklungsstörung zu schaffen machte. Nun ja.

Es schadet bestimmt nicht, wenn ein Buch dazu anregt, dass Jungen gängige Männlichkeitsbilder infrage stellen. Doch die Erschöpfung und Wut, die eine jahrhundertealte Benachteiligung für Frauen wie jene rebel girls bedeutet, hat nichts mit ein wenig anders sein zu tun. Sie betrifft gut die Hälfte der Weltbevölkerung einzig aufgrund ihres Geschlechts. In Zeiten von #MeToo, Gleichstellungsforderungen und Quotendiskussionen ist es absonderlich, dass Ben Brooks seine Sammlung männlicher Vorreiter quasi als ausgleichende Gerechtigkeit inszeniert. Noch absonderlicher ist aber, dass sein Buch mit dem britischen National Book Award 2018 ausgezeichnet wird, zu den New York Times-Bestsellern gehört und sich auch in Deutschland bestens verkauft.

Vielleicht ist es wie so oft, wenn Neues einen Platz einfordert. Sofort melden sich all jene, die sich am Altvertrauten festklammern. Ihnen spricht Brooks’ Buch wohl aus der Seele: Die Jungen sind doch nicht weniger wichtig! Nein, das sind sie nicht. Manche Bücher schon.

Ben Brooks/ Quinton Winter (Ill.): Stories for Boys Who Dare to be Different. Loewe Verlag 2018; 208 S., 19,95 €