Vor knapp sechzig Jahren waren die Beatles eine Schülerband aus Liverpool, zu deren Konzerten zwei Handvoll Leute kamen, J. F. Kennedy war Präsident der Vereinigten Staaten, und die Abendnachrichten gab es zum ersten Mal in einer schüchternen, schockgefrorenen Farbigkeit. Es waren die ersten Jahre eines Aufbruchs, der bald mehrere Generationen der westlichen Welt erfassen sollte und heute auf dem Friedhof des kollektiven Gedächtnisses unter dem Gedenkstein "Sex, drugs and rock ’n’ roll" begraben liegt.

Der amerikanische Autor T. C. Boyle macht in seinem neuen Roman eine Zeitreise zurück an die halb vergessenen Ursprünge der amerikanischen Gegenkultur, als deren Geschichtsschreiber er sich seit Langem verdient macht. Er hält sich dabei, wie schon mehrfach erprobt, an eine reale Schlüsselfigur ihres Fachgebietes in der amerikanischen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Nach Romanen über den Cornflakes-Erfinder John Harvey Kellogg und den Sexualforscher Alfred Charles Kinsey orientiert er sich nun an den entscheidenden drei Wendejahren im Forscherleben von Timothy Leary, der 1962 in Harvard erste LSD-Experimente mit seinen Doktoranden und deren Ehefrauen startete, die er nach seinem Rausschmiss aus der Eliteuniversität erst in einem Ferienhaus am Strand von Mexiko und später in einer Vierundsechzig-Zimmer-Villa in Millbrook, New York, fortführte.

Der Drogenprofessor umgab sich mit Künstlern wie John Lennon, Allen Ginsberg und Aldous Huxley und wurde, als er 1996 starb, zum Heiligen der Hippie-Bewegung ausgerufen. Seine große Erkundungsfahrt ins Land der mythischen Pilze und des vom Schweizer Chemiker Albert Hofmann 1943 entdeckten Lysergsäurediethylamid (das Anfang der Sechzigerjahre noch nicht illegal war) verlor zunehmend ihren wissenschaftlichen Charakter. Der Journalist Michael Pollan nennt Leary in seinem gerade erschienenen Buch über die Geschichte der Psychedelik-Forschung (Ändere dein Bewusstsein, Kunstmann Verlag) einen "extravaganten Psychologieprofessor mit einem Hang, im Licht der Öffentlichkeit zu stehen", der der Psychedelik-Forschung durch seine "Mätzchen" großen Schaden zugefügt habe.

Boyle erzählt die Geschichte vom Aufbruch ins verheißene Land der Psychedelik und der Lebensexperimente smart und routiniert herunter, in der überlegenen Pose des literarischen Chronisten, dem das Zeitalter der Mandalas und quietschbunten Träume von grenzenloser Freiheit keine schlaflosen Nächte mehr bereitet. Die laue, rein dokumentarische Erzähltemperatur passt allerdings zum Horizont des fiktiven amerikanischen Ehepaars aus der Gefolgschaft des charismatischen LSD-Apostels, dessen Perspektive Boyle in diesem Historienspiel abwechselnd folgt: er ein biederer, uninspirierter Doktorand der Psychologie; sie eine Studienabbrecherin und Hausfrau, die die wissenschaftlichen Ambitionen des Gatten durch Aushilfsjobs finanziert. Wie jedes anständige amerikanische Mittelschichtsehepaar ihrer Zeit interessieren sich die beiden vor allem für die Reparaturrechnungen ihres Autos und die Schulnoten ihres Sohnes. Dennoch gehören sie bald zum "inneren Kreis" von Professor Leary, der die kleinen weißen Pillen wie bei der heiligen Kommunion verteilt – überzeugt davon, dass die neuen Psychedelika metaphysische und gesellschaftsverändernde Potenziale bieten und die Probanden in die Geheimnisse des Universums einweihen. Der neue, noch weitgehend unerforschte Treibstoff, verspricht Professor Leary, "wischt all die Rollen und Spielchen weg, den ganzen Mist, den die Gesellschaft dir aufgedrückt hat".

Die Überlebenden des Experiments trollen sich zurück ins Körbchen

Im Jahr 1963 löst das Paar seinen Haushalt in Cambridge auf und packt seinen halbwüchsigen Sohn in den klapprigen Ford Fairlane, um für unbestimmte Zeit mietfrei in der schönen neuen Parallelwelt einer riesigen Luxusdrogenvilla in Millbrook zu leben: Learys von den örtlichen Ordnungskräften misstrauisch beäugter erster US-amerikanischer Hippie-Kommune, in der es so viel freie Liebe, Martini, Marihuana und Cool Jazz gibt, wie man will, und die reichen New Yorker Mäzene bereit sind zu bezahlen.

Die Vierundsechzig-Zimmer-Villa im Staat New York war der Zauberberg einer neuen Elite, die alles und jeden hinter sich lasen wollte. Das Einzige, was zählte, war "die Freiheit, den eigenen Geist zu erkunden, ohne die Zumutungen, das Missfallen, ja sogar ohne das Wissen der übrigen Welt. Ohne die Spießer. Die Ahnungslosen. Die Massen der Menschen, die ein Leben voll stiller Verzweiflung lebten und nie auf den Gedanken kamen, dass es jenseits von Arbeit und Schlaf und dem, was ihre beschränkten Sinne ihnen von der Wiege bis zur Bahre in einer unaufhörlichen Schleife zeigten, noch etwas geben könnte." Selbst ein Affe darf hier frei herumlaufen.

Die Beschreibungen der inneren Reisen, um die sich in der neurochemischen Erweckungsbewegung alles drehte, lesen sich bei Boyle allerdings so ausgenüchtert, als wollte er das dramatisch nachlassende wissenschaftliche Erkenntnisinteresse der Drogendoktoranden nachträglich wettmachen. Auf dem Trip, schreibt der amerikanische Autor, dessen Erfahrungen mit psychoaktiven Drogen nach eigener Auskunft über vierzig Jahre zurückliegen, werde man "weit hinausbefördert an den fernen, lodernden Rand transformativer Erfahrung" und nehme eine "subtile Modulation des Lichts" wahr.

Mehr kommt dabei nicht heraus. Bald nehmen die Drogenpartys überhand, die verantwortungsvolle Mutter kehrt mit ihrem Sohn in ihr Elternhaus zurück, der Vater verliert sein bekifftes Herz an eine neunzehnjährige Drogenprinzessin, der Affe ertrinkt, und dann wird auch noch Kennedy ermordet.

Diese moralisch korrekte Geschichte hat man schon oft gelesen: Eine Generation will die Welt aus den Angeln heben und endet im Elend kaputter Ehen, entgleister Biografien und vernachlässigter Kinder. Die Überlebenden trollen sich geläutert zurück ins Körbchen. Der Roman, dessen große Stärke in der ausschweifenden historiografischen Rekonstruktion liegt, endet (ganz anders als Michael Pollans sehr viel neugierigeres Buch) mit der wenig überraschenden und absolut jugendfreien Pointe, dass solche Träume zu nichts führen.

T. C. Boyle: Das Licht. A. d. Engl. v. Dirk Gunsteren; Hanser Verlag, München 2019; 384 S., 25,– €, als E-Book 18,99 €