Die gelben Augen stieren neugierig durch den Zaun. Kurt Kotrschal stiert zurück. Dann klettert der Verhaltensbiologe durch eine Sicherheitstür in das Gehege. Kaspar kommt ihm mit erhobenem Schwanz entgegen, der Schnee knirscht unter seinen Pfoten, die Ohren sind gespitzt. Weil Kotrschal, 65 Jahre, dicker roter Anorak und rote Brille, den Wolf einst aufgezogen hat, behandelt ihn das Raubtier heute wie einen gleichrangigen Kumpel. "Kaspar ist kein Schmusewolf", sagt Kotrschal, "er ist ein Alphatier." Aber ein Alphatier, das den Menschen gehorcht: Als der Forscher ein Leckerli vor den Augen des schwarz-grauen Raubtiers tanzen lässt, dreht es sich folgsam auf den Rücken.

Neben Kaspar leben 15 andere Wölfe im Wolf Science Center im niederösterreichischen Ernstbrunn, zwischen Maschendrahtzaun und Weinviertler Eichen. Kurt Kotrschal und seine Kollegen beobachten seit zehn Jahren das Verhalten der Wölfe – und vergleichen es mit dem von Hunden, die nebenan gehalten werden. Insgesamt 40 Hektar ist das Areal des Wildparks groß. Das Forschungszentrum, das zur Veterinärmedizinischen Uni Wien gehört, ist weltweit einzigartig. Durch die parallele Haltung wollen die Forscher herausfinden, was den Charakter eines Wolfs von dem eines Hundes unterscheidet. Wie scheu ist der Wolf? Wie kooperativ, wie aggressiv?

Die Frage nach dem Wesen des Wolfs beschäftigt derzeit nicht nur die Grundlagenforschung. Vor 137 Jahren war der letzte auf dem Gebiet des heutigen Österreichs frei lebende Wolf von einem Jäger im steirischen Wechselgebiet erschossen worden. Nun erobert der Wolf die österreichischen Wälder zurück – wenn auch in kleinen Schritten: 2016 ließ sich erstmals wieder ein wildes Rudel auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig nieder, 2018 tauchte eine weitere Wolfsfamilie im nördlichen Waldviertel auf. Zwischen 20 und 30 Wölfe sollen heute samt Durchzüglern durch Österreichs Wiesen, Almen und Wälder streifen, Tendenz steigend.

Österreich ist das letzte Alpenland, das von den Wölfen zurückerobert wird. Naturschützer gehen davon aus, dass illegaler Abschuss einer der Gründe sein könnte, warum es hierzulande noch so wenige Wölfe gibt. Dabei ist Österreich umgeben von Ländern, in denen die Tieren schon heimisch sind. Sie kommen aus den Karpaten, der Schweiz oder Italien, aus Slowenien, Deutschland oder Tschechien. Auf der Suche nach einem Partner zur Gründung eines Rudels können Jungtiere pro Nacht mehr als 60 Kilometer zurücklegen. Manche wandern gar Tausende Kilometer, bis sie sich dort niederlassen, wo es noch kein Rudel gibt. Politische Grenzen interessieren sie dabei nicht. Experten sind sich daher einig: Der Wolf wird sich ebenfalls in Österreich zunehmend ansiedeln.

Mit dem Wolf zieht auch Streit ein. Die Wogen gehen hoch zwischen den Wolfsbefürwortern und den Wolfsgegnern. Die einen fordern den umfassenden Schutz des Raubtiers, die anderen dessen Abschuss. Was steckt hinter der aufgeregten Diskussion? Können Kaspars frei lebende Artgenossen den Österreichern tatsächlich gefährlich werden?

Kurt Kotrschal versperrt die Tür zum Wolfsgehege, seine drei buschigen Hunde folgen ihm im Schlepptau. Auf dem ganzen Gelände ist das Heulen der Wölfe zu hören, im Januar ist Paarungszeit. Kotrschal sagt: "Ich bin weder Wolfsgegner noch Wolfsbefürworter. Ich bin Wolfsrealist. Die Frage ist nicht, ob wir mit Wölfen zusammenleben können. Sondern, wie."

Ähnlich sieht das der Wiener Forstdirektor Andreas Januskovecz. Er erinnert sich noch gut an den Tag, als ihm der Kragen geplatzt ist. "Wölfe jetzt schon vor den Toren Wiens", titelten einige Boulevardblätter im vergangenen Oktober. "Leute, bitte kommt’s runter vom Rotkäppchen-Syndrom", habe er sich damals gedacht. Als Forstdirektor der Stadt vertritt er den zweitgrößten Waldbesitzer des Landes. Beschwerden über den Wolf habe es nie gegeben. Der Wolf sei ein scheues Tier, nur wenige Menschen würden jemals einen zu Gesicht bekommen. "Es gibt keinen einzigen dokumentierten Fall eines Übergriffs eines gesunden Wolfs auf einen Menschen in ganz Europa", weiß Januskovecz zu berichten.

Statt Panik vor dem Wolf halten Vertreter des Naturschutzes sogar Freude über seine Rückkehr für angebracht. "Der Wolf macht das Ökosystem wieder stabiler", sagt etwa Christian Pichler, Wolfsexperte beim WWF. Denn wo Wölfe leben, seien die Wildbestände gesünder. "Wölfe sind Spezialisten im Nehmen von schwachen und kranken Tieren, während es der menschliche Jäger eher auf die kräftigen und gesunden abgesehen hat." Außerdem hätten Wölfe eine regulierende Wirkung auf kleinere Raubtiere: "In Wolfsgebieten gibt es weniger Rotfüchse, keine streunenden Katzen oder Hunde. Und auch die massiv einwandernden Goldschakale werden vom Wolf im Schach gehalten."

Auf der anderen Seite stehen vor allem Bauern, die sich um ihre Tiere sorgen. Der Wissenschaftler Kotrschal kann sie ein Stück weit verstehen. "Wir sollten uns schleunigst auf die Rückkehr des Wolfs einstellen, mit Herdenschutzmaßnahmen und Ausgleichszahlungen für betroffene Weidetierhalter", fordert er. Dass diese Maßnahmen funktionieren, weiß er aus seiner Forschungsarbeit. Denn der Wolf ist ein energieeffizienter Jäger. Das heißt: Einfache Zäune zum Schutz von Nutztieren, 1,20 Meter hoch, sicher im Boden verankert, halten das Raubtier in der Regel ab. Besser noch funktionieren elektrische Wolfsabwehrzäune. In schwierigem Gelände, speziell in den Alpen, sei Herdenschutz freilich aufwendiger: Dort müsse man vermehrt auf Herdenschutzhunde und Hirten setzen.