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"Does it spark joy?" Dieser Satz wird zum Schibboleth über die Welt der Dinge. Oder sollte ich besser sagen: das Zeug, das in Schubladen, Schränke und Kommoden gequetscht ist? Seit Netflix Aufräumaktionen zur Abendunterhaltung erklärt, ist auch Deutschland im Ordnungsfieber. Gründerin dieser weltweiten Bewegung ist die Japanerin Marie Kondo, die nach Millionenauflagen ihrer Bücher nun die Hauptdarstellerin einer Serie ist, in der Menschen mit ihren Häusern auch ihr Leben aufräumen.

Die religiöse Spur der Kondoschen Ordnungsphilosophie wird selten zum Thema, obwohl die Serie lauter Bekehrungsgeschichten erzählt. Wer die Garage aufräumt, wird heil an der Seele, das ist die Botschaft. Aber warum kniet die oberste Ordnungshüterin auf dem Boden, begrüßt mit einer kleinen Zeremonie jedes Haus, das sie betritt? Warum streicht sie fast zärtlich über Dosenöffner, alte T-Shirts und kaputtes Küchengerät, als hätten die Dinge Gefühle? Warum weist sie die Zeugbesitzer an, jeden, aber auch wirklich jeden Gegenstand, von der kostbaren Vase bis zur alten Zeitschrift, mit der Prüffrage zu begutachten: "Macht mich das glücklich?" Marie Kondos Ordnungsphilosophie ist die Übersetzung schintoistischer Weisheiten in eine turbomaterialistische Zeit. Sie hat sogar eine Zeit lang in einem Schinto-Schrein gearbeitet.

Ihr Wegweiser zum inneren Glück gründet in der Vorstellung, dass die Harmonie der Dinge mit deren Seele zu tun hat. Die Materie lebt auf ihre Weise, sagt sie. Nun passt die grassierende Aufräumwut gut eine Zeit, die so in Unordnung geraten ist, dass einzig der Kleiderschrank noch eine heile Welt sein kann, in der alles seinen Platz hat. Aufräumen als Austreibung des bösen Weltgeistes sozusagen, der ohnmächtig und verloren macht.

Vielleicht ist die verborgene Wahrheit über den Erfolg des "Kondoen" aber gar nicht die Sehnsucht nach Übersichtlichkeit, die von den Regalen auf die Seele übergeht. Vielleicht haben wir Materialisten unsere Seele längst in all die Dinge gesteckt, in die Gegenstände, die symbolisch mit so viel Glück und Heil und Individualität aufgeladen sind, dass wir uns nur schwer trennen. Die Dinge hätten dann keine Seele als die, die wir ihnen freiwillig überlassen haben. Die Begeisterung für das Kondoen läge dann vielleicht in einer Wahrheit, die wir aufgeklärten, sinn- und wertbewussten Menschen nur schwer über uns ertragen. "Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott." Das sagte vor langer Zeit mal Martin Luther.