Ich bin der Kopf der ältesten Zirkusfamilie Deutschlands. Meine Familie betreibt den Zirkus Barlay schon seit 1726. Ich trete in der Manege meist als Dompteur auf und bin der siebte Direktor des Zirkus. Mein Sohn Marcel ist nach mir dran. Und nach ihm hoffentlich sein Sohn.

Als ich selbst noch ein Kind war, lebten wir unbeschwerter mit den Tieren zusammen. Früher hatten wir Affen, die auf dem ganzen Platz herumgerannt sind und bei der Vorstellung in der Loge saßen. Unser Nilpferd Gustel war so brav, dass die Kinder darauf reiten konnten, und ich hatte Tiger, die auf Kommando über mich sprangen.

Heute machen uns die Verbote und Regulierungen das Leben schwer und schaden unserem Image. Die Tierschützer stellen uns immer wieder als Tierquäler dar. Dabei ist der Zirkus ein sehr streng reguliertes Gewerbe – und ich halte die Vorschriften immer ein. Das Wohl meiner Tiere ist mir am allerwichtigsten. Sie sind wie Kinder für mich. Von den Affen haben wir uns schon getrennt, und vom Nilpferd, wegen neuer Richtlinien. Und jetzt musste ich sogar meine Lieblinge abgeben, meine fünf Sibirischen Tiger.

Meine Freundin ist im Januar letzten Jahres auf dem matschigen Hof ausgerutscht und vor das Tigergehege gefallen. Da hat die Tigerdame Laica sie zu packen bekommen. Ich bin dazwischengegangen und konnte sie retten, aber dann hat sich Laica in meinen Arm gekrallt. Ich war schon bis zum Ellbogen im Gehege, da ist Laicas Bruder Sultan dazwischengegangen und hat mir das Leben gerettet. Ich hatte tausend Schutzengel.

Trotzdem wurde ich 13-mal operiert und verbrachte zwei Monate im Krankenhaus. Der Arm musste fast amputiert werden. Währenddessen hätte sich mein Sohn um die Tiger kümmern müssen, aber da sie nicht an ihn gewöhnt waren, wollte ich das Risiko nicht eingehen, dass auch ihm etwas zustößt. Deshalb habe ich die Tiger verkauft.

Doch ohne sie ist es einfach nicht das Gleiche. Sie waren mein ganzer Stolz. Schon als ich noch im Krankenhaus lag, wollte ich mir einen neuen Tiger kaufen, einen weißen. Ich wollte schon immer einen weißen haben, aber der war dann leider schon verkauft.

Stattdessen habe ich jetzt zwei Chow-Chow-Hunde, Fee und Teddy. Die sehen wenigstens aus wie Löwen. Mit denen übe ich jetzt im Winter ein paar Nummern ein. Aber ersetzen können sie meine Tiger nicht. Ein Dompteur braucht seine Raubtiere wie ein Bäcker sein Mehl.

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