Es ist Wahljahr, und die FDP will hoch hinaus. Wortwörtlich. Ein Heißluftballon soll ihre liberale Botschaft übers Land tragen. Nun ist so ein Ballon zwar kein allzu modernes Fortbewegungsmittel, gerade für eine Partei, die sich den Fortschritt auf ihre Wahlplakate drucken lässt. Vermutlich würden Framing-Experten auch dringend davon abraten, den Begriff "Heißluft" mit der eigenen Kampagne in Verbindung zu bringen. Aber die Freisinnigen kümmert das nicht. Muss es nicht, denn ihre fliegende Kunststoffhülle steht unter höchst liberalem Schutz, sie ist getauft auf seinen Namen: Alfred Escher. "Alfred Escher hat an die Zukunft geglaubt. Lassen wir uns von diesem Exempel inspirieren!", sprach Parteipräsidentin Petra Gössi, als sie vor einigen Tagen in Aarau den FDP-Wahlkampf lancierte: "Lasst uns die Zukunft gemeinsam anpacken und unsere liberale Zukunftsvision für die Schweiz umsetzen."

Immer wieder dieser Escher!

Am 20. Februar würde der mächtigste Mann, den die moderne Schweiz je hatte, seinen 200. Geburtstag feiern. Er war Groß-, Regierungs- und Nationalrat. Er gründete die Nordostbahn, gehört heute zur SBB, die Kreditanstalt, die heutige Credit Suisse, die Rentenanstalt, nunmehr Swiss Life – und er war die treibende Kraft hinter der waghalsigen Idee, den Gotthard mit einem Eisenbahntunnel zu durchbohren. Ach ja, die ETH holte er auch nach Zürich und begründete damit den hiesigen Forschungsplatz. Keine Frage, der Mann Alfred Escher, 1819 in eine alteingesessene Zürcher Familie geboren, die sich gerade von einigen finanziellen Turbulenzen erholt hatte, hat für seinen Kanton und die ganze Schweiz Großes geleistet. Es ist maßgeblich ihm und seinem unbedingten Willen zum Wandel und zur Macht zuzuschreiben, dass sich das Land nach der Gründung des Bundesstaates im September 1848 regelrecht in die Moderne katapultierte.

Ein Macher, ein "Chrampfer": Alfred Escher, diese "Lichtgestalt des Liberalismus", wie ihn das Magazin NZZ Geschichte in seiner aktuellen Ausgabe huldigt, ist bis heute das große Vorbild jedes Zürcher Politikers. Von rechts bis links. Von Christoph Blocher ("Eschers Stärke war sein unbändiger Durchsetzungswille") über Ruedi Noser ("Er prägte das moderne Zürich") bis zu Jacqueline Fehr ("Er brachte der Schweiz die Eisenbahn").

Und stehen im größten Kanton der Schweiz wieder einmal Wahlen an, wie heuer am 24. März, dann ist es so sicher wie das Amen im Großmünster, dass die staatstragenden Leitartikel in einer Anrufung von "König Alfred I." gipfeln. "Alfred Escher würde auf dem Zürcher Bahnhofplatz vom Denkmalsockel fallen, müsste er diesem kraftslosen Treiben zusehen", klagte kürzlich die Chefredaktorin des Tages-Anzeigers. Sie wünscht sich mehr Escher’sche Radikalität, was immer sie damit meint.

Die geschichtsblinde Verehrung dieses Mannes irritiert. Der echte Escher taugt nicht als Posterboy für Innovationsparks und Standortmarketing-Events im 21. Jahrhundert. Er machte sich seinen Kanton, sein Land zum Untertan. Er installierte ein System, in dem die Losung galt: Entweder ihr seid mit mir oder gegen mich. Er war ein autoritärer Plutokrat, der sich mit der ganzen Macht seines liberalen Filzes und tatkräftiger Unterstützung der Neuen Zürcher Zeitung gegen mehr Mitsprache des Volkes wehrte – und schließlich von ebendiesem Volk zum Teufel gejagt wurde. Nach zwei turbulenten Umbruchjahren erhielt der Kanton 1869 eine neue Verfassung. Nun konnten die Zürcher Bürger Initiativen lancieren und Referenden ergreifen und ihre Regierungs- und Ständeräte direkt wählen.

Alfred Escher verdankt sein Revival den neoliberalen 1990er-Jahren

Mit dem Zürich von vorgestern hat das Zürich von heute glücklicherweise nicht mehr viel zu tun. Oder doch? Es ist nämlich kein Zufall, dass die historische Figur Escher ausgerechnet heute derart populär ist. Jahrzehntelang war der große Pionier, der "Princeps", vergessen. Die letzte umfassende Biografie war 1919 erschienen. Allein die Statue vor dem Hauptbahnhof Zürich erinnerte daran, dass da mal ein Escher war.

Das änderte sich in den 1990er-Jahren. Als die Credit Suisse ihren 175. Geburtstag feierte, tat sie das mit einer großen Ausstellung an ihrem Hauptsitz am Paradeplatz. Im Zentrum stand: Bankgründer Alfred Escher.

Es waren die Jahre, in denen der freisinnige Filz im Land allmählich bröckelte. 1992 hatte die gesamte Wirtschafts- und Politelite eine epochale Volksabstimmung gegen ihren ärgsten Widersacher verloren: Christoph Blocher und seine SVP, unterstützt von einigen linken Renegaten, bodigten den EWR-Beitritt der Schweiz.