Der Historiker Uffa Jensen über den Streit an der Beuth Hochschule

DIE ZEIT: Herr Jensen, an der Beuth Hochschule in Berlin wird darüber gestritten, ob Christian Peter Wilhelm Beuth, ein preußischer Beamter und Ingenieur, Namensgeber der Fachhochschule für Technik bleiben soll. Er hat das Verbluten eines Juden bei der Beschneidung als "wünschenswert" bezeichnet.

Uffa Jensen: Diesen menschenverachtenden Satz äußerte er 1811 vor einer Tischgesellschaft im Kreise angeheiterter Männer. Beuth war ein überzeugter Judenfeind. Für eine Bildungseinrichtung ist das problematisch, weil der Name identitätsstiftend ist.

ZEIT: Würden Sie eine Umbenennung begrüßen?

Jensen: Ich würde es unterstützen.

ZEIT: Wie erleben Sie die Debatte?

Jensen: Kritiker und Befürworter sind untereinander unversöhnlich. Die eine Seite versucht, historische Fakten zu liefern, während die andere Seite diese nicht wahrhaben will.

ZEIT: Sie meinen den Altpräsidenten der Hochschule, Reinhard Thümer, der Beuths damalige Rede sogar generell anzweifelt.

Jensen: In der Debatte spielt Machtpolitik eine große Rolle. Thümers Fraktion will den Namen auf keinen Fall aufgeben. Es erscheint mir bemerkenswert, wie Thümer trotz der historischen Fachleute, die Beuths Judenfeindlichkeit erwiesen haben, sagt: Vor Gericht würde er freigesprochen werden. Das ist eine merkwürdige Aussage. Wir sind Historiker, keine Richter.

ZEIT: Sie bezeichnen den Altpräsidenten als "Hobby-Historiker".

Jensen: Seine Position wird von keiner historischen Fachmeinung untermauert. Er leugnet Fakten und scheint sich wenige Quellen angeschaut zu haben. Beuths Rede wurde von zwei Zeitgenossen eindeutig identifiziert. Und an diesem Fakt hat sich nichts geändert.

ZEIT: Müssen wir Beuth im gesellschaftlichen Kontext bewerten?

Jensen: Das Argument, Judenfeindlichkeit sei zu Beginn des 19. Jahrhunderts salonfähig gewesen, ist historisch falsch. Zwar haben viele Zeitgenossen antisemitische Positionen bezogen, aber sowohl Juden als auch Nichtjuden haben die Tischgesellschaft dafür kritisiert. Ein bekanntes Mitglied war Clemens Brentano, der sich auch judenfeindlich äußerte. Sein Freund Karl August Varnhagen stritt sich deswegen mit ihm.

ZEIT: Was erschwert eine Umbenennung?

Jensen: Die Marke Beuth trägt ja durchaus auch zur Profilbildung der Einrichtung bei. Wenn sie Weddinger Hochschule für Technik hieße, wäre es weniger schick. Bleibt der Name erhalten, unterstütze ich die Hochschule gerne, mit diesem problematischen Erbe umzugehen.

ZEIT: Wie kann das in der Realität funktionieren?

Jensen: Man müsste an die Aussagen Beuths mahnend erinnern. Allerdings hat die Hochschule in diesem Fall das Problem, technisch-naturwissenschaftlich orientiert zu sein, da gibt es wenig Überschneidungen.

ZEIT: Auch andere Hochschulen haben ein Namensproblem. Die Uni Halle ist nach Martin Luther benannt, der gegen Juden gehetzt hat.

Jensen: Luther war ein Judenfeind. Da gibt es nichts zu beschönigen. Ich bin selber Protestant, doch ich halte wenig von dem Kult um seine Person. Andererseits ist er eine welthistorische Persönlichkeit und natürlich insbesondere für Protestanten sehr wichtig. Eine Umbenennung wäre äußerst schwierig und für die Gläubigen schmerzhaft.

ZEIT: Die Universität Greifswald hat den Antisemiten Ernst Moritz Arndt gerade aus ihrem Namen gestrichen. Einige wollten ihn erhalten. Zu Recht?

Jensen: Viele Bewohner aus der Region verbinden mit ihm etwas Positives. Sie fühlten sich bevormundet und hatten den Eindruck, Professoren aus dem Westen erklärten ihnen, wie sie ihre Namen vergeben sollen.

ZEIT: Was können Namensänderungen bewirken?

Jensen: Generell finde ich es schwierig, nun sämtliche Namen zu ändern, je nachdem welche Überzeugung wir gerade haben. Die Debatte zeigt trotzdem: Die Gesellschaft hat ein Problem mit Antisemitismus. Ohne diese fortdauernde Ächtung wird er zunehmen.