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Jetzt steht es fest: Der Finanzskandal im Bistum Eichstätt ist durch eine "Machtclique" innerhalb der Geistlichkeit entstanden, durch "systemische Defizite" und einen "in hohem Maße ausgeprägten Klerikalismus". Das hat ein Prüfbericht des Bistums ergeben. Verschwundene Akten, grobe Pflichtverletzungen, mangelnde Kontrollen und jahrzehntelange Misswirtschaft – das Bistum muss nun mit einem Verlust von bis zu 60 Millionen Euro rechnen.

Es ist ein Finanzskandal von historischem Ausmaß. Umso mehr stellt sich nun die Frage nach der Verantwortlichkeit. Der Bischof müsse zurücktreten, forderte der Kirchenrechtler Thomas Schüller kürzlich in der Augsburger Allgemeinen. Hat er recht?

Zugute halten muss man Bischof Gregor Maria Hanke, dass das "System Eichstätt" überhaupt erst durch seine Transparenzoffensive bekannt geworden ist. Hanke war es, der den Prüfbericht in Auftrag gab. Doch muss Hanke sich auch den Vorwurf gefallen lassen, dass er viel zu spät ein- und nicht stark genug durchgegriffen hat – so steht es sogar in dem von ihm angeregten Prüfbericht.

Bereits vor einem Jahr gestand Hanke, als der Finanzskandal öffentlich wurde, seine Schuld ein und gab Fehler zu. Sein Fazit lautete: "Es wäre sicher besser gewesen, schon früher mit der Transparenzoffensive zu beginnen." Dass Hanke nie versucht hat, sein Versagen unter den Teppich zu kehren, zeigt seine Größe. Das unterscheidet ihn positiv von dem Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Der war sich während des millionenschweren Finanzsskandals um den Umbau seines Limburger Bischofssitzes nie einer persönlichen Schuld bewusst und legte bis zuletzt eine Arroganz der Macht an den Tag, die lange typisch für katholische Würdenträger war.

Bischof Hanke dagegen weiß, dass er nicht unfehlbar ist. Zudem scheint sein Wille, dem Skandal auf den Grund zu gehen und aufräumen zu wollen in seinem Bistum, ehrlich zu sein. Doch ein wirklicher Neuanfang wird schwerlich vor dem Letztverantwortlichen an der Spitze der Hierarchie haltmachen können. Der Name Gregor Maria Hanke wird von nun an immer mit dem Finanzskandal in seinem Bistum verbunden sein. Mehr noch als für die konsequente Aufarbeitung wird er für Misswirtschaft und klerikale Überforderung stehen.

Der Bischof ist klug und reflektiert genug, das zu wissen. Eigentlich. Seine Aufgabe ist es, als guter Hirte Schaden abzuwenden von seiner Herde. Zu dieser Aufgabe gehört auch, zu erkennen, wann man Platz machen muss für einen anderen Hirten.

Insoweit wäre ein Rücktritt kein Zeichen von Schwäche, sondern von innerer Stärke. Viele Menschen wenden sich schließlich momentan in dem Glauben von der Kirche ab, dass sie zu Reformen unfähig ist. Mächtige Männer stehen angeblich an ihrer Spitze, die sich nur darin von den mächtigen Männern in Politik und Wirtschaft unterscheiden, dass sie noch beharrlicher an ihren Sesseln kleben. Gregor Maria Hanke hat jetzt die Chance, der Welt zu zeigen, dass Macht kein Selbstzweck in der katholischen Kirche ist, dass man freiwillig von ihr lassen kann zum Wohle aller.

Dass Gregor Maria Hanke über einen Rücktritt nachdenkt, ist bekannt. Er hat ihn, was allein schon bemerkenswert für einen katholischen Würdenträger ist, öffentlich nie ausgeschlossen. Allerdings ist auch seine Begründung, warum er diese letzte Konsequenz nie gezogen hat, bemerkenswert: "Ich fürchte sonst", sagte er der Süddeutschen Zeitung im vergangenen Herbst, "dass der Apparat die alten Verhältnisse wiederherstellt." Das Zitat beweist einerseits, wie wenig Vertrauen Gregor Maria Hanke in den Selbstreinigungsprozess in seinem Bistum hat, und ist andererseits Indiz einer Hybris, die tief unter der Mea-culpa-Rhetorik verborgen liegt: Der Irrglaube jedes Mächtigen nämlich, dass man selbst vermeintlich unverzichtbar ist.

August Modersohn