223. Sitzung des Ständigen Rats der Deutschen Bischofskonferenz am 29. Januar 2019 in Würzburg-Himmelspforten; Anlage 2 zu TOP 0.2; Treffen der vom Ständigen Rat benannten Bischöfe am 20.12.2018 in Frankfurt: Vorschlag eines synodalen Prozesses

1. Die vom Ständigen Rat am 20.11.2018 benannten Bischöfe, Dr. Peter Kohlgraf, Dr. Stefan Oster, Dr. Franz-Josef Overbeck, Dr. Karl-Heinz Wiesemann (Bischof Dr. Felix Genn war verhindert), haben sich in einem Treffen am 20. Dezember 2018 gemeinsam mit P. Dr. Hans Langendörfer SJ, Dr. Ursula Beykirch-Angel, Matthias Kopp, Dr. Ralph Poirel und Dr. Frank Ronge vom Sekretariat der Frage nach der möglichen Weiterarbeit an den übergreifenden Themen gewidmet. Darin nahmen sie ihren Ausgang von einer grundsätzlichen Analyse der derzeitigen Situation, die sich folgendermaßen zusammenfassen lassen: Die Kirche befindet sich in einer existentiellen Krise, die vom Missbrauchsskandal nicht ausgelöst ist, hierin wohl aber einen Brennpunkt findet. Die Krise ist eine Glaubenskrise, eine Strukturkrise, eine Leitungskrise – mit einem Grundproblem: Leben und Reden fallen in der Kirche weit auseinander. Es braucht einen echten kirchlichen Wandel, der mit einem Mentalitätswandel (Demut) der Verantwortlichen beginnen muss. Die Herausforderungen sind so tiefgreifend, dass auch alle kirchlichen Reformen die Krise nicht einfach überwinden können. Dennoch braucht es diese Reformen – in Deutschland konkret beginnend und in Rom Veränderung einfordernd – damit die Kirche auch künftig ihrem Auftrag der Verkündigung des Glaubens gerecht werden kann. Subsidiarität ist dabei ein Grundprinzip auch der Kirche.

2. In der Besprechung herrschte Einmütigkeit darin, dass es in der derzeitigen Situation in der Kirche vor allem anthropologische Fragen sind, die neu beantwortet werden müssen. Es braucht eine tiefere Adaption des 2. Vatikanischen Konzils unter einer anthropologischen Perspektive. Neue theologische Antworten sind notwendig, in die neben der theologischen Tradition auch neuere, auch säkulare und naturwissenschaftliche anthropologische Erkenntnisse sowie der Blick auf das Leben der Menschen eingehen müssen. Dabei wird es sicher keine einfachen und auch unterschiedliche Antworten geben. Wichtig erscheint dabei, dass das Suchen und Ringen um Lösungen offen, transparent und partizipativ gestaltet wird. Die Kirche ist ohnehin nicht in der Lage, alle kommunikativen Prozesse zu steuern. Wenn sie angesichts der Komplexität und Breite der Fragestellungen nicht handlungsunfähig werden will, ist es notwendig, eine Isolation der Bischöfe aufzuheben und möglichst viele an dem notwenigen kirchlichen Gestaltungsprozess für die Zukunft zu beteiligen.

3. Missbrauchsbezogene Fragen lenken den Blick auf die Betroffenen und lassen sich nie von Aspekten nach der Anerkennung, Glaubwürdigkeit etc. der Kirche leiten. Hinsichtlich der übergreifenden Fragestellungen allerdings muss es insbesondere auch darum gehen, der Kirche Glaubwürdigkeit zu verleihen. Leben und Reden, Glauben und Verkündigung der Kirche dürfen nicht auseinander fallen. Es braucht eine Kultur des Miteinander-Sprechens, zu der vor allem Wahrhaftigkeit gehört. Das Ziel der Befassung mit den übergreifenden Fragestellungen muss ein doppeltes sein: Es sind erstens Klärungsprozesse regional in Gang zu bringen in dem Willen, die Ergebnisse in Rom in die Waagschale zu werfen, und es sind zweitens – wo immer machbar – regionale Lösungen voranzutreiben.

4. Angesichts der Komplexität der Themen und Probleme stellt sich die Frage, mit welchen Arbeitsmethoden und in welchem Format es für die Kirche in Deutschland möglich ist, diese zu bearbeiten. Um zudem eine Isolation der Bischöfe zu vermeiden und eine möglichst breite innerkirchliche Bewegung zu initiieren, schlagen die drei Bischöfe vor, sich in einen synodalen Prozess zu begeben. Dabei sehen sie durchaus die damit verbundenen erheblichen Erwartungen, die im Blick zu behalten sind. Die Durchführung einer synodalen Veranstaltung in Deutschland würde aber der Dramatik der Situation gerecht und böte Anlass zu der Hoffnung, einen missionarischen Impuls für einen Aufbruch der Kirche in Deutschland setzen zu können. In einer weiterführenden Neuaneignung des Zweiten Vatikanischen Konzils wäre es die Aufgabe einer "Synode" danach zu fragen, wie Verkündigung, Handeln und Struktur der Kirche in der heutigen Zeit neu durchsichtig werden können auf das Evangelium hin – mit Lumen Gentium 1 (hinsichtlich des II. Vat.): "Christus ist das Licht der Völker. Darum ist es der dringende Wunsch dieser im Heiligen Geist versammelten Heiligen Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint, zu erleuchten, indem sie das Evangelium allen Geschöpfen verkündet (vgl. Mk 16,15)." Wenn die Initiative zu einer synodalen Veranstaltung jetzt von den Bischöfen ausginge, wäre dies sicher ein breit wahrnehmbares und starkes Signal.

5. Ein solcher synodaler Weg könnte nach Vorberatungen in den Sitzungen des Ständigen Rats im Sommer in der Herbst-Vollversammlung beschlossen werden. Zuvor wäre das Sekretariat zu beauftragen, die alternativen Möglichkeiten in der Art und Weise, eine synodalen Veranstaltung durchzuführen, darzustellen. Eine interne inhaltliche Befassung mit den übergreifenden Fragestellungen wird beim Studientag der Frühjahrs-Vollversammlung 2019 im Kreis aller Bischöfe und Weihbischöfe erfolgen, den der Ständige Rat in seiner Sitzung am 19./20. November 2018 beschlossen hat (vgl. Prot. Nr. 9).

Bonn, den 21. Januar 2019

Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich bei dem Text um die unkorrigierte, unbearbeitete Orginalfassung.