"Das war ein Wow-Moment", sagt Hartmut Müller*. Jahrelang hatte der Diabetiker mehrmals am Tag seinen Blutzuckerwert mit einem Tropfen Blut aus der Fingerkuppe bestimmen müssen. Und doch wusste er nie genau, woran er war. Weder verriet ihm der punktuelle Wert, ob der Spiegel gerade dramatisch anstieg, noch, ob dieser absackte. Dabei sind schlechte Zuckerwerte auf Dauer Gift für seinen Körper. Als sich ihm erstmals die Möglichkeit eröffnete, seine Blutzuckerwerte automatisch und kontinuierlich zu überprüfen, war das wie eine Erlösung für ihn.

"Vor ein paar Jahren wurden noch etwa zehntausend diabetesbedingte Amputationen in Deutschland durchgeführt", berichtet Müller bei einem Besuch in der ZEIT-Redaktion, "dazu wollte ich nicht gehören." Vor elf Jahren, Müller war damals 38 Jahre alt, hörte er zum ersten Mal vom "Kontinuierlichen Glukosemonitoring" (CGM) und entschloss sich, die Sache zu erproben. Seitdem registriert ein Sensor im Unterhautgewebe laufend seine Blutzuckerwerte. Per Empfangsgerät kann er sie drahtlos auslesen. Auf diese Weise wird die Stoffwechselstörung für Müller nun direkt erfahrbar. "Ich esse ein Brötchen und sehe, dass eine halbe Stunde später der Wert aufwärtsgaloppiert", erzählt er. "Ich gebe mir Insulin, und der Wert fällt wieder." Droht der Blutzucker aus der Bahn zu geraten, gibt das Gerät Alarm. Diese Wächterfunktion ist besonders für die Nacht beruhigend: Schlafende Patienten, die auf Insulinspritzen angewiesen sind, merken mitunter nicht, dass sie gerade in eine lebensbedrohliche Unterzuckerung geraten.

2008 war Müller ein Pionierpatient. Doch seit der Gemeinsame Bundesausschuss 2016 solche Systeme zur Kassenleistung erhob, hat sich die Technik extrem verbreitet. Genaue Zahlen fehlen, aber ein beträchtlicher Teil der 300.000 Patienten mit Typ-I-Diabetes in Deutschland misst heute automatisch. Ein Maß für die Güte der Zuckereinstellung über 8 bis 12 Wochen ist der sogenannte HbA1c-Wert. Studien haben gezeigt, dass er bei Menschen, die ein CGM-System benutzen, besser ist als bei solchen ohne. Müllers HbA1c schwankt zwischen 6 und 7, ein sehr guter Wert.

Doch die automatische Messung ist erst der Anfang. Alle hoffen auf ein System, das auch entsprechend automatisch Insulin in die Blutbahn abgibt – wie eine künstliche Bauchspeicheldrüse. Tatsächlich wird daran gearbeitet. Nur treibt nicht die Industrie diese Entwicklung. Es sind die Patienten selbst, die den Takt vorgeben – Diabetiker mit Affinität zu Elektronik und Software. Sie diskutieren etwa auf Websites wie sugartweaks.de, wie sich gängige Mess- und Pumpensysteme umfunktionieren lassen. Es ist eine Selbstermächtigung, die in der Medizin ihresgleichen sucht.

Die Tüftler verbessern sogar handelsübliche Geräte. Hartmut Müller sagt, dass sein Messgerät manchmal aussetze. Registriere der Sensor widersprüchliche Daten, zeige das Display nur noch drei Fragezeichen und hülle sich bis zu drei Stunden in Schweigen. Der Apparat melde sich erst zurück, wenn wieder plausible Messwerte vorlägen. Das findet Müller ärgerlich. "Das Gerät soll dem Nutzer doch Sicherheit geben", sagt er, "ihn alarmieren, wenn er zum Beispiel im Stress ist und nicht an seinen Blutzuckerspiegel denkt." Doch jetzt gibt es Abhilfe. Müller zieht ein Smartphone aus der Tasche, auf dem die selbst gestrickte App "xDrip plus" installiert ist. Auf dem Display erscheinen bunte Kurven: Tüftler haben einen Weg gefunden, den drahtlosen Datenstrom des Sensors mitzulesen. Wo das Originalgerät stumm bleibt, schlägt die App Alarm. Der Hersteller hat diese Funktion in die neueste Generation des Zuckermessers eingebaut. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat sie Mitte Januar auch für das ältere Modell Dexcom G5 mobile angefordert.

Hartmut Müller ist technikaffin, kennt die richtigen Leute und weiß um die Grenzen der automatischen Messung. Taugt CGM auch für Durchschnittsanwender? "Menschen, die ihre Insulintherapie basierend auf CGM selbst anpassen, müssen zuvor in der Nutzung der Daten geschult werden, damit sie die Information richtig umsetzen können", sagt Guido Freckmann, Leiter des Instituts für Diabetes-Technologie in Ulm. Bei der herkömmlichen Therapie messen die Patienten ihren Zuckerwert vor und nach den Mahlzeiten sowie vor dem Zubettgehen. Bei der CGM hingegen wird alle paar Minuten ein Wert angezeigt. Plötzlich sehen die Patienten direkt, wie nach einem Marmeladenbrötchen der Zuckerspiegel in die Höhe schießt. Manche reagieren darauf sofort mit zusätzlicher Insulingabe – "obwohl sich der Wert bis zum Mittag durch das vor der Mahlzeit gegebene Insulin vermutlich wieder normalisiert hätte", sagt Freckmann.