"Das ist keine Erzählung / Das ist nur ein Protokoll", sangen Tocotronic einst. Jetzt, wo die Hamburger Schule des deutschsprachigen Diskurspop sich und uns historisch geworden ist und gleich zwei ihrer Köpfe, Frank Spilker (Die Sterne) und Jochen Distelmeyer (Blumfeld), mit Romanen hervorgetreten sind, bleibt Dirk von Lowtzow der kleinen Form treu. Mit Aus dem Dachsbau legt er eine Sammlung autobiografischer Prosaskizzen vor, alphabetisch nach Stichworten sortiert und durch Fotos, Zeichnungen und lyrische Einsprengsel aufgelockert. Was ist das nun – kleine Literatur im emphatischen Sinn oder doch nur Spielerei, Selbststilisierung von weißen Jungs, die sich zu wichtig nehmen? Und wer wollte das entscheiden? Irgendwo dazwischen lag ja bereits der Einsatz von Tocotronic, deren Pop für Teens und Twens mehrerer Generationen und aller Geschlechter zum Identifikations- und Orientierungspunkt geworden ist. Als ihr Gitarrist, Texter und Sänger war von Lowtzow immer schon gut darin, den dabei lauernden Peinlichkeiten direkt ins Auge zu schauen.

So auch hier: Allzu leicht hätte die alphabetische Anordnung von ABBA bis ZEIT das Zeug zum leeren Manierismus gehabt, doch entwickeln sich auf der Ebene des Buchstäblichen immer wieder kleine Pointen und Bezüge, denen man gerne folgt ("ABBA. From A to B and back again."). Die zwei Ws aus dem Nachnamen etwa gewinnen ein Eigenleben und gehen auch mal stiften (LOTSO), und das Bekenntnis zum Vorbild, der enzyklopädischen Autobiografie Agnès Vardas, tut ein Übriges, um dieses Verfahren weder prätentiös noch zu heavy, noch beliebig wirken zu lassen.

Das gilt auch für die Prosaskizzen selbst, zweifellos ja eine Form, die tendenziell eher nach innen weist. Von und über Tocotronic gibt es bereits Chroniken, Manifeste und natürlich die Platten, die zuletzt auch schon autobiografische Aspekte aufgenommen hatten. Hier nun erfährt man zwar gelegentlich durchaus etwas über musikalische Einflüsse, Freundschaften, Tourmomente und die Entstehung von Songs, doch wird all dies eher en passant eingestreut und bleibt letztlich randständig. Auch die guten alten Pop-Distinktionsgesten werden nicht mehr geübt, was symbolisiert wird durch Claus Richters 2002 entstandene Fotoarbeit Cola und Pepsi zusammenschütten – im Buch abgebildet als "eines der größten Kunstwerke des frühen 21. Jahrhunderts".

Nein, im Kern zielt dieses Schreiben weder auf Auskunft noch auf Selbststilisierung, sondern auf das Finden und Generieren von Mikrointensitäten. Am stärksten sind die Prosastücke dort, wo sie von alltäglichen oder -nächtlichen Begebenheiten übergehen in Tagträume und federleichte Fiktionen: "Keine Exotik – nur eine minimale Verrückung". In der Tradition des Flanierens und des situationistischen Dérive entwickelt von Lowtzow dabei das Prinzip einer "Analyse glücklicher Räume". Seine Texte spüren einer zweiten, irgendwie wesentlicheren Topografie nach, und zwar nicht einfach jener von Kindheit oder Jugend, sondern der der sehr viel konkreteren Orte: der Topographie des Gestrüpps hinter den Fahrradständern, der Autobahnraststätte Hirschberg, einer Vorstadtsiedlung bei Offenburg, des Hamburger Eichtalparks oder des Platzes der Vereinten Nationen in Berlin. Im Koordinatensystem dieser neuen, dichteren Landschaft, erfahrbar mit den Treibstoffen Coca-Cola, Pop-Musik und Glutamat, finden sich dann nicht nur das Grab von Hubert Fichte, der heilige Sebastian und Neil Youngs unehelicher Sohn Xaver wieder, sie ist auch durchwoben von Lektüren, getönt von echten oder fantasierten Kino-Erlebnissen und, nicht zu vergessen, bewohnt von Pelztieren aller Art: Fuchs, Diskurseichhörnchen, Cartoondachs und Operettenbär. Insgesamt entsteht so eine versponnene, noch vollständig prädigitale, aber überaus sympathische Mythologie, die wie jede Literatur das Zeug hat, dort, wo sie einen packt, über die persönlichen Erinnerungen des Autors (Jahrgang 1971) hinauszuweisen in unser aller Gegenwart und Zukunft.

Denn ja, vielleicht ist das alles egal, ein Jungsding von gestern. Zumal das Buch auf den ersten Blick erstaunlich unpolitisch wirkt und ein bisschen aus der Zeit gefallen. Vielleicht sind von Lowtzows minimale Verrückungen aber auch Anstoß und Beitrag zu einer Neuvermessung der emotionalen Topografie unserer Bundesrepublik, nach dem Maßstab der Deutschen Hymne ohne Refrain von Bernd Begemann, dem Vater der Hamburger Schule, die man hie und da durchzuhören meint. Zu kartieren wären dabei die mythischen Songlines unserer Gegenwart, die womöglich genau dort verlaufen: jenseits der großen Erzählungen des Identitären, zwischen Siedlung und Küchenradio, Asterix und Autobahnzubringer, Strandbad und Edeka – um dann, sagen wir, in den Texten zur Kunst zu münden, in einem Theaterstück von René Pollesch oder in einem Tocotronic-Album. "Das ist keine Erzählung / Das ist nur ein Protokoll / Doch wir können davon lernen / Wie wir leben wollen."

Dirk von Lowtzow: Aus dem Dachsbau. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019; 192 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €