Dreihundert Freunde auf Facebook – und trotzdem einsam ... Das menschliche Bedürfnis nach Begegnung und Berührtwerden, nach "Resonanz", wie der Soziologe Hartmut Rosa es nennt, wird bei aller digitalen Netzwerkerei nicht befriedigt, im Gegenteil. Die wahre Begegnung, der Zusammenklang mit anderen Menschen – was das überhaupt ist und wie es möglich werden kann, wird eine wesentliche Frage der kommenden Jahre werden. Durch deine Augen heißt der neue Roman des Dänen Peter Høeg, der diese Frage erörtert – und manch anderes gewichtige Thema außerdem, wie die Leser es von ihm seit seinem Welterfolg Fräulein Smillas Gespür für Schnee (1992) gewohnt sind: die Revolution der Vorstellung von Zeit und Raum durch die Quantenphysik, das mystische und meditative Potenzial von Kindern.

Der Ich-Erzähler (von dem wir beiläufig erfahren, dass er Peter heißt) wendet sich nach dem Suizidversuch seines Pflegebruders Simon an die Wissenschaftlerin Lisa, die an ihrem "Institut für neuropsychologische Bildgebung" streng geheime Experimente durchführt. Sie und ihr Team nutzen enorme Mengen von Hirn- und Körper-Scans, um mittels Projektionstechnik und Psychodrogen die Bewusstseinsstrukturen und Traumata ihrer Probanden sichtbar zu machen, ja sogar deren Erinnerungen und Wahrnehmungen "durch ihre Augen" zu sehen, sie mit ihnen zu durchleben und zu durchleiden.

Alle drei, Simon, Peter und Lisa, zur Zeit der Romanhandlung Mitte vierzig, waren als Kinder engste Freunde und teilten ein Geheimnis: Sie konnten gemeinsam "reisen" – ihre eigenen Träume teilen und andere in deren Träumen besuchen. Nun machen sie sich mithilfe der Apparaturen wieder auf den Weg. Und für jeden der drei wird es eine Reise an bestimmte Triggerpunkte der Vergangenheit, die sein Leben bis in die Gegenwart bestimmen.

Peter Høeg hat in Interviews mit dänischen Medien zu verstehen gegeben, dass dieses Buch seinem Herzen sehr nah sei. Besonders spürbar wird das in der Beschreibung der Kubakrise von 1962, als die Welt am Rand eines Atomkriegs stand. In wenigen Strichen macht Høeg die Schreckensstarre der Öffentlichkeit in jenen Tagen gegenwärtig, die Angst in den Familien, die Angst einer Mutter um ihre Kinder: "Dort auf dem Platz in Christianshavn, mit dem Extrablatt von Politiken zur Kubakrise, muss ihr aufgegangen sein, dass sie uns verlieren könnte. Dass wir ihr wegsterben könnten." Das war dem heute 61-jährigen Autor so wichtig, dass er die Kindheit seiner Figuren um zwei Jahrzehnte zurückverlegt hat.

Aufs Ganze gesehen hat dieses übermäßige innere Engagement dem Roman aber nicht gutgetan. Zwar bedient Høeg sich – was die Fans freuen wird – seiner bewährten erzählerischen Mittel, des Spannung erzeugenden Vorgriffs oder der ergreifenden kleinen Szene in Großaufnahme. Er hat zudem die neurobiologische Grundlagenforschung gründlich recherchiert, was die Lektüre zumindest lehrreich macht. Aber die langen Gespräche zwischen Peter und Lisa in schönen Wohnungen und an nächtlichen Ostseegestaden münden zuverlässig in Kalenderweisheiten wie dieser: "›Die Vergangenheit gibt es nicht‹, sagte sie. ›Es gibt Spuren. Darüber konstruieren wir eine Erzählung. Die immer etwas künstlich Geschaffenes ist.‹"

Vollends problematisch wird diese Neigung zum Moralisch-Sentenziösen, wenn der Roman sich seinem zweiten großen Thema nähert: dem sogenannten Dunkeldänemark. Gemeint ist damit die massenhafte, weithin verschwiegene, verdrängte sexuelle Gewalt gegen Kinder. Mit fast pornografisch wirkender Lust am Detail schildert der Roman die Übergriffe, listet die Vergewaltigungen auf, durch Großväter und Chorleiter, durch Väter und auch Mütter. Das Fazit, das der Erzähler zieht: "›In jedem Mann steckt ein potentieller Sexualstraftäter‹ (...). ›Und in jeder Frau‹, sagte sie, ›gibt es etwas, das sich davon angezogen fühlen könnte, ein potentielles Opfer zu werden.‹" Das hat, ganz gegen die Absicht des Autors, etwas von philiströsem Schulterzucken oder wohligem Schauder angesichts eines Abgrunds, in dem man sich selbst nicht befindet.

Peter Høeg: "Durch deine Augen". Roman; a. d. Dänischen von Peter Urban-Halle; Carl Hanser Verlag, München 2019; 336 S., 24,– €