Frankreich hat seinen Botschafter abgezogen – nicht aus Russland, nicht aus der Türkei, nicht aus Venezuela, sondern aus Italien, einem verbündeten und seit vielen Jahrzehnten befreundeten Nachbarland. Das hat es das letzte Mal im Juni 1940 gegeben. Damals verließ der französische Botschafter überstürzt seine Residenz, weil Italien dem Nachbarland in der Endphase des deutschen Frankreich-Feldzuges den Krieg erklärt hatte.

Zwischen Rom und Paris herrscht heute kein echter Krieg, aber ein Krieg der Worte ist es allemal. Angezettelt hat ihn die italienische Regierung, namentlich Luigi Di Maio und Matteo Salvini, die beiden gleichberechtigten Vizepremiers. Di Maio ist Chef der Fünf-Sterne-Bewegung (M5S), Salvini führt die rechte Lega und ist Innenminister. Beide sind bekennende Populisten. Di Maio sagte vor einigen Wochen, Frankreich halte sich in Afrika Kolonien und sei deshalb schuld an der Migration nach Europa und an den Tausenden Toten im Mittelmeer. Außerdem wünschte Di Maio den rebellischen Gelbwesten mehrmals öffentlich nur das Beste in ihrem Kampf gegen Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron. Salvini wollte dem in nichts nachstehen und erklärte kurz und bündig: "Macron ist ein fürchterlicher Präsident!"

Paris schwieg zu den harten Attacken. Man wolle nicht, sagte Frankreichs Europaministerin Nathalie Loiseau, in einen Wettbewerb darum treten, "wer dümmer" sei. Vergangene Woche nun reiste Di Maio nach Frankreich und traf sich mit radikalen Vertretern der Gelbwesten wie dem Schmied Christophe Chalençon. Der hatte schon mehrmals öffentlich das Militär dazu aufgerufen, in Frankreich die Macht zu übernehmen. Das war zu viel. Die Pariser Regierung ließ mitteilen: "Diese letzten Einmischungen sind eine inakzeptable Provokation" – und zog den Botschafter bis auf Weiteres ab. Wie ist die Heftigkeit des Streits zu erklären?

In knapp vier Monaten wird ein neues Europaparlament gewählt. Roms Populisten erwarten große Zugewinne. Sie haben Emmanuel Macron zur Zielscheibe erkoren. Je härter sie ihn attackieren, desto mehr Stimmen erhoffen sie sich. Daran ist Macron nicht ganz schuldlos. Er selbst hat sich als Gegenspieler der europäischen Populisten profiliert, was einer der Gründe dafür war, warum er 2017 überraschend die französische Präsidentschaftswahl gewann. "Sie sehen mich als ihren Hauptgegner, und sie haben recht", hat Macron vor Monaten über die europäischen Nationalisten gesagt. Als M5S und Lega im Mai vergangenen Jahres in Rom eine Regierung bildeten, sprach Frankreichs Präsident offen vom Populismus als der neuen "Pest". Di Maio und Salvini haben den hingeworfenen Fehdehandschuh dankbar aufgenommen. Der permanente Angriffsmodus, der Dauerwahlkampf, die dauernde Überhitzung der politischen Debatte – das liegt ihnen.

Der Streit zwischen Frankreich und Italien hat freilich auch einen konkreten Hintergrund. Frankreich schiebt Migranten und Flüchtlinge an der Grenze konsequent und unerbittlich nach Italien ab. Rom beklagt sich schon seit geraumer Zeit darüber und behauptet, Paris halte sich nicht an getroffene Abmachungen. Libyen ist ein weiterer Konfliktpunkt. Aus italienischer Sicht hat Frankreich den Krieg gegen den Diktator Gaddafi 2011 ohne Not begonnen. Unter den Folgen dieser Intervention habe heute vor allem Italien zu leiden, so die Argumentation. "Frankreich sollte sich dafür entschuldigen", sagte vor wenigen Tagen der prominente M5S-Politiker Alessandro Di Battista. Er stellte diese Forderung ausgerechnet in einer Liveschaltung des italienischen Fernsehens aus Paris, mit dem Eiffelturm im Rücken.

Und dann gibt es da noch den geplanten und zum Teil schon gebauten Tunnel auf der Strecke Turin–Lyon. Durch die 57 Kilometer lange Röhre sollen in Zukunft Hochgeschwindigkeitszüge zwischen den beiden Städten verkehren können. Die Verbindung ist ein wichtiges Stück des europäischen Verkehrsnetzes und damit bedeutsam für den Binnenmarkt. Doch der Bau kommt nicht voran, weil M5S dagegen opponiert. "Wer will schon nach Lyon fahren", frotzelte kürzlich Italiens Infrastrukturminister Danilo Toninelli. Frankreich aber beharrt auf dem Bau des Tunnels.

Spannungen dieser Art hat es zwischen europäischen Staaten gelegentlich gegeben. Doch sie haben im Laufe der Jahrzehnte, besonders im Rahmen der Europäischen Union, gelernt, solche Probleme durch Kompromisse zu lösen. Der Wille dazu scheint Italiens regierenden Populisten zu fehlen. Sie wollen den erklärten Antipopulisten Macron bezwingen und ein anderes Europa bauen. Der Kampf Di Maio/Salvini versus Macron ist darum auch ein Beispiel für die Existenz einer europäischen Innenpolitik, für die Auseinandersetzung zwischen zwei transnationalen politischen Lagern. Man kann den Konflikt daher auch als paradoxen Beleg dafür nehmen, wie eng Europa inzwischen zusammengewachsen ist.