Während das urbane Deutschland allmählich von einer Dieselstarre ergriffen wird, bringt die Stadt Kiel frischen Wind in die Diskussion um Feinstaubwerte und Fahrverbote. Am mehrspurigen Theodor-Heuss-Ring hat sie vergangene Woche einen "Stadtluftreiniger" aufstellen lassen. Das ist ein weißer Container mit Schlitzen und Gebläse, der die Straßenluft ansaugt, filtriert und – von störenden Partikeln befreit – wieder ausstößt. Auch Stickoxide sollen in Kiel keine Chance mehr haben. Sie werden gewissermaßen aus dem Verkehr gesogen.

Mag andernorts kleinmütig an den Grenzwerten herumgekrittelt werden – nicht so in Kiel. Da versucht man unerschrocken die große Lösung und knöpft sich die Erdatmosphäre selbst vor. Schon nach wenigen Tagen ist der Standort des Saugers zu einer Wallfahrtsstätte geworden. Infrastrukturtouristen, angelockt von Medienberichten, wollen nie Gesehenes schauen, Asthmatiker den alten Satz "Stadtluft macht frei" einmal ganz neu erleben. Studien werden noch ergeben müssen, ob die Anwohner nun aufatmen können.

Wenige Hausnummern vom Standort des Luftsaugers entfernt steht ein offizielles Messgerät, das seit Jahren viel zu hohe Schadstoffwerte ermittelt. 40 Mikrogramm Stickoxide pro Kubikmeter Luft sind im Schnitt erlaubt, 60 Mikrogramm waren es im vergangenen Jahr. Hier droht ein Fahrverbot.

Deshalb also nun dieses Pilotprojekt, das die Stadt Kiel mit einer zweiten Maßnahme flankiert: Demnächst sollen Dieselfahrzeuge den rechten Fahrstreifen des Theodor-Heuss-Ringes – jenen, der dem Messgerät am nächsten ist – nicht mehr benutzen dürfen, sondern auf die linke Spur ausweichen, um den Abstand der Auspuffrohre zum Messpunkt um einige Meter zu vergrößern. Man setzt hier auf eine schadstoffreduzierende Verwirbelung.

Möglicherweise ist man auch inspiriert von der Nachbarstadt Hamburg, in der man zwei Straßen, in denen Messgeräte stehen, für Dieselfahrzeuge kurzerhand gesperrt hat. Die fahren jetzt durch andere Straßen.

So weit die Fakten. Noch bevor klar ist, was die Luftreinigung und die Messstellenumfahrung dem Theodor-Heuss-Ring an Entlastung bringen wird, lässt sich feststellen, wie anregend der modellhafte Versuch ist. Er lenkt die Gedanken in ganz andere Bahnen.

Was, wenn die Automobilhersteller die Kieler Idee aufgreifen? VW könnte alle Golf Diesel serienmäßig mit Feinstaubsaugern ausrüsten und somit einen zusätzlichen Kaufanreiz bieten. Man könnte das aufgegebene Modell "Scirocco" so als Typbezeichnung wiederbeleben.

Das Gerät liegt in einer Mulde im Kofferraum und kommt, angeschlossen an den Zigarettenanzünder, immer dann zum Einsatz, wenn die Kinder wieder mal den Innenraum vollgekrümelt haben. Es hat aber noch eine zweite Funktion. Sobald ein Luftmessgerät in der Nähe zu hohe Werte anzeigt, eilen – alarmiert von einer App – ein paar Golf-Fahrer herbei und saugen die Luft um die Messstelle sauber. Hier wird es sich als Vorteil erweisen, dass der Scirocco mit einer Doppelfiltertechnik ausgestattet ist, für Innenraum wie Außenraum gleichermaßen geeignet.

Gut an einer solchen Lösung wäre das ins Planetare verlängerte Nachbarschaftsprinzip. Die Autofahrer, welche die Luft ja verschmutzt haben, befreien nicht nur ihr Viertel von den Partikeln, sie leisten auch einen Beitrag zum globalen Umweltschutz, den sich Russland und China zum Vorbild nehmen können.

Die Frage ist natürlich, wie schon jetzt in Kiel: Was geschieht mit den Feinstaubsaugerbeuteln? Werden sie von städtischen Arbeitern abgeholt wie Tannenbäume und Laub, bloß rund ums Jahr? Hier könnten unter Umständen neue Kosten entstehen, neue Arbeitsplätze natürlich auch.

Überdies könnte der Feinstaub, einmal gesammelt und in großem Stil zusammengeführt, zu Grobstaub verdichtet werden, der wiederum, gepresst und in Ziegeleien gebrannt, der Backsteinkultur nachhaltigen Schub verliehe. Man glaubt nicht, was möglich ist, wenn man die Denkblockaden lockert.

Allerdings – kleiner Wermutstropfen – hat es in der Pionierstadt Kiel schon eine Demonstration gegen die neue Technik gegeben, weil der Stadtluftsauger mitten auf den Radweg gestellt wurde. Gerade die Radfahrer sollten wissen: Ganz ohne Opfer wird es nicht gehen.