Fast hätte Annegret Kramp-Karrenbauer die ganze Operation zunichtegemacht, bevor sie richtig begonnen hatte: Mit den Worten "Wir als Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen ..." begann die Vorsitzende der CDU am Sonntagabend das Werkstattgespräch, in dem die Christdemokraten und Christdemokratinnen die Migrationspolitik seit 2015 aufarbeiten wollten.

Dabei hatte Kramp-Karrenbauer doch "CDU pur" versprochen, durchaus im Einvernehmen mit ihrem innerparteilichen Gegenspieler Friedrich Merz, der schon immer der "Sozialdemokratisierung" der Union den Kampf angesagt hatte. In den tags drauf folgenden Arbeitsgruppen machte AKKs Partei dann klar, was sie unter CDU pur versteht: weniger Merkel, mehr Seehofer wagen.

Dabei wirkt der Masterplan des Innenministers, der im Sommer für so viel Wirbel gesorgt hatte, gegen die jüngsten CDU-Beschlüsse fast schon harmlos: Bei der Altersfeststellung mutmaßlich minderjähriger Flüchtlinge soll es künftig eine "Beweislastumkehr" geben, Fehlverhalten soll stärker sanktioniert werden. Wer erneut einreist, obwohl er bereits ausgewiesen wurde, soll kein Geld mehr bekommen. Asylverfahren sollen nach der ersten Instanz abschließend beendet sein, der Kreis der sicheren Herkunftsstaaten, also der Länder, in die abgeschoben werden kann, soll ausgeweitet werden. Sexualstraftaten und Angriffe gegen Polizisten sollen immer zu einer sofortigen Ausweisung und falsche Angaben zum Ende des Asylverfahrens führen – eine Kaskade restriktiver Maßnahmen. Man könnte auch sagen: Merkel-Kritik von Praktikern für Praktiker.

Durch eine restriktivere Asylpolitik hofft die CDU, sich als Volkspartei zu konsolidieren

Es sei möglich, dass sich eine Situation wie 2015 wiederhole, sagte der CDU-Innenexperte Armin Schuster bei der Vorstellung der Ergebnisse, er gehe sogar davon aus. Diesmal aber, so die Botschaft, werde der Staat sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen. AKK stellte sich danach an die Spitze der Bewegung – und übte ihre bislang deutlichste Kritik an Merkel, als sie in ihrem Schlusswort befand, man habe sich 2015 auch von Stimmungen leiten lassen.

"Liebe @akk – kleiner Tipp für Zukunft", juxte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil auf Twitter: "Das heißt: 'Liebe Genossinnen und Genossen!'" Dort, bei den echten Genossen, erlebt man in diesen Tagen ebenfalls Spektakuläres: eine Parteivorsitzende Andrea Nahles, die gut gelaunt und entspannt vor die Fernsehkameras tritt. Und einen Sigmar Gabriel, der seine Nach-Nachfolgerin nicht in die Pfanne haut, sondern lobt. Den Abschied von Hartz IV, der mit einer Klausursitzung, ebenfalls am Wochenende, inszeniert wurde, empfinden weite Teile der Partei als eine Rückkehr zu sich selbst. Bald 16 Jahre lang haben die Genossen darunter gelitten, dass die Sozialreformen der Regierung Schröder das Land zwar vorangebracht, der Partei selbst aber massiv geschadet haben. Immer wieder hatten unterschiedliche Vorsitzende an Einzelmaßnahmen der Agenda 2010 – etwa an der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I – herumgeschraubt. Aber erst jetzt, aus der Verzweiflung eines 14-Prozent-Umfragetiefs heraus, proklamiert die SPD den Bruch mit jener Reform, die viele in der Partei als Verrat empfinden und als Chiffre für ihren Niedergang.

Quellen: Bundeswahlleiter © ZEIT-Grafik

Den Abschied von Hartz IV empfinden weite Teile der SPD als Rückkehr zu sich selbst

Zwei Varianten von Sicherheit also sind es, die die Koalitionsparteien für die Zukunft versprechen. Das Neue ist dabei das Alte: Wir beschützen euch (wieder), lautet die Botschaft der SPD. Wir sorgen für Ordnung (und eine klare Trennung zwischen "denen" und uns), signalisiert die CDU. Gleichzeitig ahnen beide Parteien, dass sie gar nicht in der Lage sein werden, das umzusetzen, was sie da so eifrig erworkshopt haben. Bei der CDU stellen sich juristische Fragen (kann man Rechtsinstanzen nur für Inländer erlauben?), bei der SPD praktische: Was heißt "Verzicht auf die Bedürftigkeitsprüfung" bei der Rente konkret, und schafft das neue Ungerechtigkeit? Vor allem aber wissen beide Koalitionsparteien, dass ihre Pläne am jeweils anderen scheitern würden.

In gewisser Weise ist das aber auch egal. Nach zwei großen Koalitionen und einer lähmenden Regierungsbildung für die dritte ist Bewegung schon ein Wert an sich. Es wird diskutiert zwischen den Parteien, es wird gestritten, Unterschiede treten zutage, die lange vermisst wurden. Auch wenn es fürs Erste nur die altbekannten sind. Und auch wenn damit über Digitalisierung, Weltklima oder globale Migration wenig gesagt ist. SPD und CDU freuen sich, dass sie sich schon fast wieder wie richtige Sozis und echte Schwarze fühlen können. Und darauf zielten die Operationen auch jeweils ab: auf die eigene Klientel. Die CDU hofft auf Konsolidierung als Volkspartei, die SPD auf Erhalt des politischen Existenzminimums.