"Ich habe dieses Land gehasst"

Ob in den Fachkreisen oder in der Presse: Landauf, landab wird augenblicklich immerfort diskutiert über die Ordnung der Welt, die ins Rutschen gerät, und besorgt gesprochen über die Außen- und Sicherheitspolitik, deren Akteure nicht mehr verlässlich sind. In München laufen die Vorbereitungen zur 55. Sicherheitskonferenz, und wir können uns schon jetzt vorstellen, dass Artikel und Schlagzeilen erneut fragen werden: Geht es überhaupt noch weiter mit einer wertebasierten Weltordnung; wie ist es mit dem Multilateralismus; können wir nach Trump und anderen Menschen, die in der Welt große Schatten werfen, noch damit rechnen, dass ein friedliches Zusammenleben Zukunft hat?

Mit Erschrecken sehen wir die zunehmende Friedlosigkeit und eine Erosion des Vertrauens zwischen den Staaten. Vor fünf Jahren, bei der Eröffnung der 50. Münchner Sicherheitskonferenz, habe ich in dieser Stadt laut darüber nachgedacht, welches Format Deutschland in Europa und in der Welt haben solle. Es erschien mir wichtig, die Landsleute daran zu erinnern, dass wir mit dem Vertrauen, das wir zum Rechtsstaat, zur Demokratie, zur Freiheit entwickelt haben, eine Nation geworden sind, auf die man sich verlassen kann. Dazu kommt eine erhebliche wirtschaftliche Stärke, die uns zu einem wichtigen Partner verschiedener Nationen macht. Deutschland, so meinte ich, müsse sich daher in verschiedenen Bereichen internationaler Zusammenarbeit stärker einbringen – nicht nur, aber auch auf dem Gebiet der Sicherheit.

Heute nun sehe ich Entwicklungen in unserem Land und auch bei unseren nahen und fernen Nachbarn, die mir Sorgen bereiten. Wie in fast allen europäischen Ländern hat sich auch bei uns der Populismus politisch etabliert. Vertreter einer rechtsnationalen Politikvariante sitzen im Deutschen Bundestag und in allen Landesparlamenten – eine Entwicklung, die uns lange nicht erreicht hatte, obwohl sie in unseren Nachbarländern schon lange auf der Tagesordnung war.

In Italien hat sich mit der Regierung aus Linkspopulisten und Rechtspopulisten ein demagogischer Politikstil eingeschlichen, der uns unvertraut ist und den ich in Deutschland nicht sehen möchte. Aber auch in den demokratischen Musterländern in Skandinavien – in wunderbaren, entwickelten Demokratien mit einem ausgeprägten Sozialstaat – gibt es Bewegungen, die Nationalismus in einer relativ starken Ausprägung wieder zu einem wichtigen Element der Politik machen. Polen und Ungarn haben sich unter rechtsnationalen Regierungen zu einer illiberalen Politik entschieden. In Frankreich gehen Zehntausende auf die Straße gegen einen Staatspräsidenten, der vor nicht einmal zwei Jahren noch Hoffnungsträger war. Und mit dem Austritt Großbritanniens droht der Europäischen Union die größte Bewährungsprobe seit ihrer Gründung. Alles relativ neue, relativ beunruhigende Entwicklungen, die das traditionelle Parteiengefüge vielerorts kräftig durchrütteln und dem europäischen Gefüge schon jetzt tiefe Risse zugefügt haben.

Im Osten und Nahen Osten sieht es noch bedrückender aus. Autokratische Führer lieben es, ihre Politik der Stärke der Stärke des Rechtes vorzuziehen. Sie bewegen sich aus dem Kreis der Demokratien heraus und empfinden es als legitim, Krisen und Konflikte auch in der eigenen Nachbarschaft zu provozieren oder, wie durch Russland geschehen, Territorien sogar völkerrechtswidrig zu besetzen. Darüber hinaus mischen sich Russland, der Iran, auch die Türkei offen in den syrischen Bürgerkrieg ein, mal als Verbündete, mal als Gegner, um ihre großmachtpolitischen Interessen abzusichern und sich in der Region als permanenter Machtfaktor zu etablieren. Über die massiven außenpolitischen Vorstöße von China habe ich dabei noch gar nicht gesprochen. Mit gewaltigen Investitionspakten kaufen sie sich entlang der Seidenstraße ein bis Osteuropa, gestützt auf ein imponierendes wirtschaftliches Wachstum bei gleichzeitiger Stabilisierung einer vormodernen Herrschaft der wenigen über die vielen.

Das alles könnten wir noch leichter ertragen, wenn unsere Hauptpartner des Westens, die Vereinigten Staaten, in der Weise verlässlich wären, wie sie es für uns Europäer über Jahrzehnte waren. Aber verunsichert durch den unberechenbaren Gestus von Donald Trump sind nicht nur die Amerikaner, sondern natürlich auch wir Europäer. Ich bin ein Herzens-Atlantiker, und ich werde niemals die Rolle der Vereinigten Staaten für den Erhalt der Freiheit in Europa vergessen. Mir ist auch der dortige Präsident wirklich suspekt, aber daraus abzuleiten, dass wir einen Rückzug der Vereinigten Staaten als günstig für den ganzen Erdball betrachten sollten, würde ich für einen ganz schwerwiegenden Irrtum, schlichtweg für politische Dummheit halten. Ich sehe nicht, dass das vielleicht sogar führungswillige Frankreich zusammen mit dem eher nicht führungsbereiten Deutschland an die Stelle dessen treten könnte, was Amerika für uns sicherheitspolitisch geleistet hat. Mit welchen Potenzialen und mit welcher inneren Haltung sollten denn diese beiden größten Länder das bewältigen? Gleichwohl halte ich eine Stärkung der europäischen Verteidigung für sinnvoll.

In Sicherheitsfragen herrscht in den reichen Ländern des Westens allerdings eine gewisse Sorglosigkeit, verbunden mit einem weitverbreiteten Wunschdenken. Herfried Münkler nennt unsere Zeit die "postheroische" Zeit. Ich weiß zwar nicht, welche heroischen Zeiten für Deutschland besser waren. Aber wenn postheroisch bedeutet, nicht mehr zu wissen, was und wie wir uns verteidigen wollen, dann kann da irgendetwas mit unserem Nationalgefühl nicht stimmen.

Zusätzlich zu diesen außenpolitischen Problemen haben wir es noch mit inneren Problemen zu tun. Wir erleben große Unsicherheit und eine diffuse Angst, vielleicht vergleichbar nur mit großen Umbruchzeiten wie der Kopernikanischen Wende oder dem Beginn des Industriezeitalters. Viele fürchten heute die neue Welt der Computer, der künstlichen Intelligenz, viele fühlen sich nicht oder nur unzureichend ausgestattet mit Wissen über das Funktionieren der vernetzten digitalen Welt. Sie fürchten sich vor dem Verlust ihrer Autonomie und sind sich unsicher, welche Rolle sie in der Zukunft einnehmen werden.

"Wir sind nicht Gott"

Politik darf diese Ängste nicht ignorieren. Aber Politik muss den verunsicherten Menschen gemeinsam mit der Wirtschaft auch die vielen Möglichkeiten und Chancen vor Augen führen, die sich mit dem Übergang in ein neues Informationszeitalter eröffnen. Unsere Vorfahren haben sich vor siebzig Jahren ermächtigt, nach einem tiefen Fall diese Demokratie zu errichten, diesen Rechtsstaat zu stabilisieren, diese Wirtschaftsordnung zu etablieren. Das ging nur im Glauben an die eigenen Möglichkeiten. Das ist es, was uns eine innere Stärke geben sollte: ein Erfahrungsgut des Gelingens. Dieses Zutrauen zu uns und zu unserem Potenzial müssen wir bemühen, um uns und die Gesellschaft in den gegenwärtigen Phasen von Unsicherheit und Angst zu ermächtigen.

Der große Søren Kierkegaard hat in seinem Jahrhundert, dem 19. Jahrhundert, die Angst den "Schwindel der Freiheit" genannt. Vielleicht erschließen wir uns diese Aussage am besten, wenn wir uns erinnern, dass Freiheit unglaubliche Handlungs- und Spielräume eröffnet, zahllose Möglichkeiten, Möglichkeiten zum Guten, aber auch zum Schlechten. Kann einen das nicht schon schwindlig machen? Und dann das Phänomen, dass wir es sind, die in der Demokratie die Verantwortung tragen: wir alle als "citoyen", als Bürger, und nicht irgendwelche Könige, Fürsten oder Führer. Die Demokratie ist unsere Sache! Aus eigenem Antrieb entscheiden wir uns, zuständig zu sein für den Raum, in dem wir leben. Und wir spüren dabei: Die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung. Aber kann das nicht auch erschrecken? Dann müsste ich ja eine Meinung dazu haben, mit wie viel Geld ich die Sozialpolitik unterstütze, mit wie viel die Umweltpolitik, mit wie viel die Verteidigungspolitik, die Schulpolitik. All dies müsste ich selber mit durchdenken. Ist es da nicht doch einfacher, auf die da oben zu schimpfen? Denn selbst wenn ich mich nicht beteilige, erlaube ich mir ja immer noch ein Urteil über "sie".

In der vormodernen Gesellschaft kannte jeder seinen Platz: Er war nicht frei, er fühlte sich manchmal auch gegängelt, aber das ganze System hing nicht von ihm ab. Er war eingeordnet, er hatte eine gewisse Rollensicherheit und Beheimatung, einen gewissen Halt. Es war die Freiheit der Moderne, die den Menschen herauslöste aus dieser festen Verortung in der Gesellschaft. Es ist die moderne Gesellschaft, die uns in den Individualismus entlässt und uns zumutet, über die grundlegenden Dinge selbst zu entscheiden: Wie wir unser Leben gestalten und was unserem Leben Sinn gibt. Ist es verwunderlich, dass dann eine Unsicherheit im Raum ist, zumal in Zeiten eines fragilen Übergangs?

Es gibt keine offene Gesellschaft ohne gleichzeitige Phasen von Ängstlichkeit und Unsicherheit. Wir sind Menschen, wir sind nicht Götter, wir sind nicht Gott. Aber – und ich wiederhole es, weil es so wichtig ist: Wir wissen aus der Erfahrung, dass uns Kräfte zuwachsen können, die die Ängste weder leugnen noch löschen, aber die sie relativieren und die uns in das Stadium von Handlungsfähigkeit setzen. Kräfte, die die in uns ruhende Verantwortungsbereitschaft, die Mut, Tatkraft, Innovationsbereitschaft, Risikobereitschaft, die all das wecken. Wenn du dir dann das erschließt, was in dich als positive Gabe hineingelegt worden ist, dann bist du vielleicht einer, der sich nur selten fürchten muss – und das ist eine ganze Menge.

Lassen Sie mich für einen Moment in mein altes Dasein als Pastor zurückgehen: Ich hatte als junger Mensch immer Furcht vor einer bestimmten Bibelstelle – vor vielen, aber bei dieser besonders – aus dem Schöpfungsbericht. Da heißt es: "Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach Gottes Bilde schuf er ihn" (1. Mose 1,27). Ich betrachtete die Welt in meiner Nachkriegsjugend mit großer Skepsis, besonders Deutschland. Das, was der junge Student da aus den Büchern und Filmen zur Kenntnis nahm über die eigene Heimat, in der man Deutsch sprach, deutsche Musik liebte, Hand anlegte zum wirtschaftlichen Aufbau, aber über Massenmorde, Gewalt und Totschlag schwieg, das hat mich abgestoßen. Ja, ich kann sagen: Ich habe dieses Land gehasst. Und dann lese ich da in der Heiligen Schrift: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Ich weiß, was man dann sagt – es gibt ja Bücher, da kann man nachlesen, was ein Pastor dann predigen kann. Jedenfalls empfand ich die Bibelstelle als so provokant – dieser Mensch als Gottes Ebenbild –, dass ich mir vorgenommen hatte: Darüber predigst du nie.

Aber irgendwann, ich war schon alt geworden, kehrte die Bibelstelle zu mir zurück. Ich konnte den Text plötzlich lesen und sagte: Oh, was für ein schönes Wort. Und wissen Sie, wie das kam? Es hängt mit diesem Begriff der Verantwortung zusammen. Für mich hieß dieser Text plötzlich: Gott schuf den Menschen mit einer geheimnisvollen Gabe, die kein anderes Geschöpf hat, sondern nur er. Der Mensch kann sich selber erkennen und für sich selber und für andere Verantwortung übernehmen. Er kann das in Liebe tun, er kann es mit Mut tun, mit Ängstlichkeit – aber er ist immer gemeint als der, der diese besondere Fähigkeit besitzt, über die niemand anderes sonst auf der ganzen weiten Welt verfügt: Er kann Verantwortung übernehmen. Da hatte sich mir plötzlich etwas erschlossen, auf vielen, vielen Umwegen des Lebens. Für mich jedenfalls war ein geistliches Wort sehr irdisch, sehr nah geworden.

Ich möchte aber noch einmal zum Thema der Ängste zurückkehren. Der große Psychologe Erich Fromm und der große Philosoph und Politikwissenschaftler Karl Popper haben mehrfach darüber gesprochen, dass es verborgen unter den verschiedenen Ängsten so etwas wie eine Grundangst gibt, die die Menschen gar nicht so genau definieren können. Ein diffuses, verunsicherndes Grundgefühl: die Furcht vor der Freiheit. Eine nicht völlig von uns erkannte, uns aber immer begleitende Furcht vor dem weiten Raum der Freiheit. Karl Popper und noch stärker Erich Fromm hielten diese Angst für eine anthropologische Konstante, nicht für einen Fehler im System des Menschen, sondern für einen Teil seiner Grundausstattung.

Es gibt keine offene Gesellschaft ohne Ängstlichkeit. Wir sind Menschen, wir sind nicht Götter, wir sind nicht Gott.

Interessant, dass auch der eher linke Psychotherapeut und Psychologe Fromm auf die Bibel verweist und dort eine archetypische Geschichte findet, wieder in der Genesis, die Geschichte von Adam und Eva. Da wird also der Apfel weitergereicht – der Gläubige weiß da schon: Das ist Sünde, Gott will es nicht, das tut man nicht. Aber scheinbar paradoxerweise hat Gott den Menschen so geschaffen, dass er auch tun kann, was er nicht tun soll. Also schlussfolgerte der Psychologe aus diesem schönen alten mythischen Text: Der Schöpfer hat den Menschen als freies Geschöpf gewollt. Er hat ihn in die Freiheit hineingeboren. Und das Paar entscheidet sich, Gottes Gebot nicht zu folgen, sondern selbst das Gebot zu setzen: Ich setze meine Kraft ein und entscheide mich im Rahmen meiner Freiheit. Eine große Tat.

Aber Erich Fromm lässt uns weiterlesen. Was passiert nach dieser Tat? Einen Tag später findet sich das Paar außerhalb des Paradieses: Es ist nackt, fürchtet sich – wer gibt uns etwas zu essen, wer sagt uns, was wir tun sollen, wer schützt uns vor Gefahr, wo sind wir überhaupt? Von jetzt an wird es sich danach sehnen, in die heile Ordnung eines geschützten Raumes zurückkehren zu können, den wir Paradies nennen. Das Paar wird nie wieder dort hinkommen, aber immer wird es sich danach sehnen und daran denken, dass es dort sein könnte. Und es wird sich immerfort fürchten vor dem, was ihm heute und am nächsten Tag zustoßen könnte. In diesem Bild ist das enthalten, was ich in Kurzform als anthropologische Konstante beschrieben habe. Wir haben die Freiheit der Wahl, wir haben auch (begrenzt) Kraft und Mut, aber ohne Ängste ist diese Freiheit nicht zu haben.

"Die deutsche Fahne? Oh, sehr verdächtig"

Wenn wir uns diese Prägung der menschlichen Psyche vor Augen führen, erkennen wir, wie leicht es ist, das Thema im Politischen zu instrumentalisieren. Das ist generell ein Problem der politischen Diskurse, aber es erfolgt überall dort zugespitzt und manipulativ, wo gerade populistische Bewegungen die Demokratie infrage stellen. Das Tröstende für viele Menschen, die solchen Bewegungen folgen, ist das Versprechen: Du musst dich nicht vor der Zukunft fürchten, wenn du auf uns hörst und wir dir sagen: Es ist die geordnete Welt wiederherzustellen, die wir früher erlebt haben.

Ich sehe allerdings keinen Ort in der Welt, wo das gelingen kann. Ich sehe nur Orte in der Welt, wo die Demokratie, wie sie sich einmal entwickelt hat, mit all ihren zweifellos vorhandenen Problemen, zurückverwandelt wird in eine gelenkte Ordnung oder ein autoritäres System. Und wenn dieser Prozess erst einmal angefangen hat, dann werden die Menschen plötzlich merken, dass sie Freiheit vermissen. Jetzt erscheint sie ihnen oft als zu umfassend und zu bedrohlich und angstmachend, doch plötzlich wird es ihnen an Freiheit fehlen.

Vielleicht machen wir, die wir die Freiheit und die Demokratie verteidigen, einen Fehler, wenn wir der Ängstlichkeit allein mit kühler Sachlichkeit begegnen. Unsere Freude daran, gestalten zu können, mag sich auch deshalb manchmal nicht zeigen, weil wir uns oft genieren. Wieso kann ich mich freuen über das, was zu gestalten gelingt, wenn da so viele sind, die sich so sorgen um all das, was (noch) nicht gelingt? Es mag in Süddeutschland ja anders sein, aber bei uns im Norden ist es so: Wenn du in bestimmten Zirkeln ernst genommen werden willst, musst du einen bedrückten Eindruck machen. Du kannst da nicht hingehen und sagen, mein Gott, wie freue ich mich, dass dieses Land so geworden ist, wie es ist, wie erfolgreich, friedlich, schön. Da gelten Sie leicht für unbedarft. Warum das so ist? Ich weiß es nicht. Aber es ist eine Gefahr, dass wir die Gefahren und Sorgen und Probleme überzeichnen und uns die Erfolge kleinrechnen. Als würden wir ein Fernglas umdrehen und das, was im Normalfall nahe bei uns, plötzlich ganz weit weg ist.

Wir wollen das, was Angst macht, erkennen, aber wir wollen Fluchtreflexen nicht folgen. Ich will wirklich nicht so tun, als ob das leicht wäre. Und ich weiß, dass man denen mehr zuhört, die Fake News verbreiten oder Hysterie. Bei den politischen Hysterikern: Da ist Aufruhr, da wird gefühlt. Wir müssen dann aber fragen: Wo ist dein Politikansatz zukunftsträchtig? Was sind deine sowohl langfristigen wie aktuellen Vorstellungen zur Bewältigung des technologischen Umbruchs, der Krise in der internationalen Zusammenarbeit, des drohenden Klimawandels oder zum Umgang mit massenhafter Migration? Da, denke ich, werden wir ganz große Überraschungen erleben. Da kommt nämlich fast nichts. Und die Diskriminierung von anderen, der Hass auf Fremde, das Liebäugeln mit starken Führern – all das wird unsere Probleme nicht lösen, aber unsere Seelen vergiften.

Abschließend muss ich noch eine Bemerkung anfügen: Als ich in die gesamtdeutsche Politik eintrat, begegnete ich einer Vorstellung von Deutschland, die sehr defizitär war. Ich traf in Westdeutschland auf Intellektuelle, die den Begriff der Nation gar nicht mehr benutzen wollten. Es hatte sich bei klugen Leuten eingebürgert, Deutschland eine postnationale Demokratie zu nennen. Damit konnte jeder leben: Demokratie ist gut, Nation schlecht, und wir sind eben postnational, das heißt, wir sind erwachsen geworden, wir sind jetzt Europäer. Deutschland? Nein. Die deutsche Fahne? Oh, sehr verdächtig. Diese Farben, Schwarz-Rot-Gold, aus ihren Ursprüngen der deutschen Demokratie herausgewachsen, jedenfalls ein geschätztes Symbol aufgeklärter Menschen.

Rückblickend sehen wir: Es war gut und nötig, dass sich Deutsche ihrer übergroßen Schuld in der Vergangenheit bewusst geworden sind und dann skeptisch gegenüber jeder Form des Nationalismus waren. Aber wenn man so weit geht, dass man aus Furcht vor Nationalismus nationale Prägungen nicht mehr akzeptiert oder automatisch verdächtigt, dann ist man einen Schritt zu weit gegangen. So kann aus einer guten pädagogischen Absicht und aus einer positiven Selbstkritik auch so etwas wie eine neurotische Feindschaft gegen das Eigene werden. Und diese neurotische Feindschaft gegen das Eigene hat dann bei vielen zu einer Ferne von jeder Art von Selbstbewusstsein geführt – manchmal sogar zu einer Vernachlässigung nationaler Interessen. Die Amerikaner, Franzosen und Briten haben es uns übrigens nie abgenommen, aber wir selbst haben tatsächlich empfunden, dass wir nicht so wichtig sind, weil wir nicht so wichtig sein dürfen. Bei Autos und Fußball, da durften wir in der ersten Reihe stehen. Aber auf anderen Ebenen nicht.

Die deutsche Fahne? Oh, sehr verdächtig. Wenn du in bestimmten Zirkeln ernst genommen werden willst, musst du einen bedrückten Eindruck machen.

Ich finde, dass wir denen, die sehr früh angefangen haben mit "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein", nicht folgen dürfen – denn die sind stolz auf ein Deutschland, das ich ablehne und verachte. Aber warum entwickeln wir keinen positiven Bezug zu diesem so gewordenen Hort des Rechtes, der Freiheit und der Demokratie? Warum bekennen wir uns dazu nicht in Dankbarkeit und Freude und meinetwegen auch mit Stolz?

Aus dieser Freude heraus entstehen dann auch die Kräfte, die gegen die Angst aktiv werden können. Der Glaube hilft dabei. Er will nicht Menschen, die aus der Verantwortung fliehen, sondern unser Gott ist ein Gott, der die Aufbrüche segnet und Menschen bei ihren Aufbrüchen begleitet. Unsere Demokratie ist ein Land, das den Einzelnen nicht verachtet, und sei er noch so schwach, sondern das ihm Möglichkeiten gibt. Gestützt auf unsere Erfahrungsgüter, die wir weltweit vorzeigen können, können wir uns neue Handlungsfähigkeit erwerben – auch in einer Weise, die vielen von uns bisher noch fremd ist.

Dieser Text ist eine von Joachim Gauck überarbeitete Fassung der Rede "Freiheit und Verantwortung – Herausforderungen in einer unsicheren Welt", die er am 31. Januar 2019 in der Katholischen Akademie Bayern hielt.