Hanna Jacobs, 30, ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Unter dieser Kolumne steht, dass ich meine Kirche verändern will. Genauer gesagt steht da, ich schriebe darüber, wie ich sie verändern wolle, die Kirche. Als ich vor knapp zwei Jahren mit dem Kolumnenschreiben anfing, war mir diese Beschreibung fast etwas unangenehm. Natürlich wollte ich verbessern und erneuern. Aber gleich die ganze Kirche verändern wollen – das klang eine Nummer zu groß. Doch mit der Zeit fiel mir auf, dass dieser Anspruch weit weniger vermessen ist als befürchtet. Die Kirche verändern zu wollen ist kurz davor, Common Sense zu werden. Zukunft ist das Lieblingsthema kirchlicher Institutionen und religionspolitischer Medien. Wenn ich angefragt werde, mich in einem Vortrag oder Text zu Kirche zu äußern, dann in der Regel zur Zukunft dieser. Das Bedürfnis, jetzt schon zu wissen, wie unsere Gottesdienste, Gemeinden, der Pfarrberuf oder gleich die Volkskirche in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren aussehen werden, ist enorm.

Wer jetzt schon wissen will, was später einmal ist, sucht vor allem Sicherheit, sosehr er auch betont, es gehe ihm um Innovation. Ich weiß nicht, was die Zukunft der Kirche bringen wird. Ich bin Pastorin, keine Wahrsagerin. Und selbst ein Prophet, jedenfalls einer nach biblischem Verständnis, könnte die Zukunft nicht vorhersagen, sondern würde die Gegenwart beobachten und darlegen, was ihm auffällt und aufstößt. Ein Prophet würde allerdings darauf hinweisen, dass die Zukunft nicht nur von unserem eigenen Tun abhängt. Die Wege Gottes sind – im Gegensatz zu Kirchensteuereinnahmen und dem demografischen Wandel – nicht berechenbar.

Die Zukunft der Kirche lässt sich nicht planen. Die Reformation ist nicht am Reißbrett entstanden, sondern hat sich entwickelt und ereignet. Zuzulassen, dass Gutes und Neues passieren kann, halte ich für fruchtbarer, als unter großer Anstrengung neue Konzepte und Papiere zu entwickeln, deren gelungene (!) Umsetzung im Voraus eh nicht garantiert werden kann.

Ich bin inzwischen etwas zukunftsmüde. Die Titel von Akademietagungen, Büchern und Podiumsdiskussionen sind vorhersehbar geworden. Es wird so viel nach vorne geschaut, dass mitunter das, was noch und schon blüht, übersehen wird. Küchentischpsychologisch ist es eine Flucht vor der Realität, wenn man zu sehr in der Vergangenheit oder Zukunft lebt. Zwanghaft vorwärtsgewandt lebt nur, wer sich in der Gegenwart nicht wohlfühlt – und nicht den Mut oder die Kraft hat, im Jetzt konkrete kleine Dinge zu verändern.

Als ich vor zehn Jahren überlegte, Theologie zu studieren, sprach ich mit einem pensionierten Studentenpfarrer. Lohnt sich das noch, Pastorin werden? Wie sieht die Kirche denn aus, wenn ich mal fertig bin? Die Kirche Jesu Christi wird es immer geben, erklärte er. Wie genau sie aussehen wird, das würde sich dann schon zeigen. Auch ergraute Emeriti sagen manchmal sehr kluge Dinge.