Gemessen an der Intensität der Auseinandersetzung steht die Geschichte des deutschen Kolonialismus inzwischen im Zentrum der bundesrepublikanischen Vergangenheitsbewältigung. Sie hat den Holocaust als Bezugspunkt wohl ein Stück weit verdrängt. Allerdings wird dies in der Öffentlichkeit nicht als Bruch wahrgenommen, denn in der Tat ist der völkermordende Auslöschungswahn älter als die Schoah. Wenn es in den letzten Jahren noch eine Möglichkeit gab, den Nachfahren ihre Erinnerungen wenigstens teilweise wiederzugeben, dann durch Rückgabe von Raubkunst. Kunstrestitution hatte sich als eine Art Modell durchgesetzt, von Politik und Rechtsprechung unterstützt.

Diese besondere deutsche Sicht trägt dazu bei, dass für viele Deutsche die Restitution von Kolonialkunst an afrikanische Staaten die Rückgabe von Raubkunst an jüdische Familien fortsetzt und ergänzt. Die Ankündigung des französischen Präsidenten, sämtliche kolonialzeitlichen Museumsbestände nach Afrika zu restituieren, gefolgt vom Bestandsbericht, den Bénédicte Savoy und Felwine Sarr für die Museen in Frankreich erstellten, löste hierzulande erwartungsgemäß eine heftige geschichtsmoralische Reaktion aus.

Doch sind Kolonialismus und Holocaust nicht dasselbe. Der Mord an den Juden verpflichtet die Deutschen auf besondere Weise. Auch ist der Kontext, in dem die "Dekolonisation" derzeit international debattiert wird, ein kulturell und politisch anderer, ebenso die rechtlichen Voraussetzungen, ebenso die Interessenlagen der Beteiligten.

Mit Rücksicht auf diese Unterschiede wird am Ende auch die Frage nach einer vollständigen oder nur teilweisen Restitution afrikanischer Kunst entschieden werden. Das Resultat wird aller Wahrscheinlichkeit nach viele Afrika-Aktivisten enttäuschen, in Deutschland wie in Frankreich. Es wird nicht alles zurückkehren – und "alles" wäre auch nicht Dekolonisation, weil es eine Art Ende des geistigen Austausches zwischen Europa und Afrika signalisierte, eine letzte kolonialistische Geste des Westens, eine monströse Entschuldungsfantasie.

Welche Objekte gehören zwingend in afrikanische, genauer gesagt: in noch zu gründende afrikanische Museen? Und was könnte aus diesem Übertragungsprozess darüber hinaus folgen? Bloße Rückgabe ist ja kein Austausch. Austausch müsste die Geste mit weiter reichender Fantasie begleiten, mit außen- und kulturpolitischer. Danach sieht es nicht aus. Die letzten Einlassungen der zuständigen Kulturstaatsministerinnen Grütters und Müntefering zum Thema erwecken nicht den Eindruck, die beiden hätten dazu ein schlüssiges Konzept. Sie sind eher von der Furcht geprägt, in der aufgeregten Debatte als Bremserinnen dazustehen. Sie schreiben in der FAZ: "Differenzierung und Klärung von Provenienzen müssen sein, aber es darf nicht der Eindruck einer Verzögerungstaktik entstehen, insbesondere dann nicht, wenn eine Rückgabe gerechtfertigt erscheint."

Liegt das Problem wirklich nur bei den Museen? Die wollen meistens restituieren. Wann genau erscheinen Rückgaben als gerechtfertigt? Und drückt sich die Kulturpolitik auf diese Weise nicht davor, die Verantwortung für Restitutionsentscheidungen selbst zu übernehmen? Das könnte sie sogar tun, wenn sie denn eine Idee besäße, welche Prozesse damit angestoßen werden sollen.

Museumskuratoren und Sozialanthropologen erforschen seit Jahren ihre Bestände, sie kooperieren mit indigenen Gruppen und geben dabei vereinzelt auch Objekte zurück. Nur wenige interessierten sich bisher dafür. Die Museen haben mit dem "Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" vom Mai 2018 selbst Kriterien entwickelt, nach denen sie vorgehen. Sie sehen sich aber mit Rechtsunsicherheiten konfrontiert, sobald es um die Abgabe bedeutender Objekte oder ganzer Sammlungsteile geht. Das Haushaltsrecht steht derzeit solchen "Deakzessionen" entgegen, das Kulturgutschutzgesetz, ja im Grunde die gesamte Rechtslage und Rechtspraxis.

Es stehen auch keine bindenden völkerrechtlichen Regelungen zur Verfügung. Herausgaben sind zwar möglich, bleiben aber angreifbar. Koloniales Museumsgut gehört zum Großteil den Bundesländern und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Der Gesetzgeber war nicht willens, nach dem Fall Gurlitt ein klar regelndes Restitutionsgesetz auf den Weg zu bringen.

So läuft die Debatte über das Ausmaß der Rückgabe afrikanischer Kunst nun auf eine politische Entscheidung zu, und es ist folgerichtig, dass die Bundeskanzlerin die Angelegenheit an sich gezogen hat. Merkel, obschon an Kulturpolitik uninteressiert, sieht immerhin das Problem. Offiziell lösen wird sie es aber nicht. Wer dann? Die Verantwortung wird hin und her geschoben. Formell müssen am Ende Länderparlamente und Stiftungsräte Deakzessionen genehmigen, doch auch die benötigen dafür eine politische Rechtfertigung, die robuster ist als kurzfristige mediale Aufregung.