Es passierte am Oberalppass. Wir waren zu neunt auf einer Skitour und wanderten über die verschneite Passstraße, mein Mann Ruedi vor mir. 20 Minuten fehlten uns noch bis zur letzten Abfahrt. Es war ein schöner Tag. Blauer Himmel, Sonne, traumhaft. Ich hätte nie gedacht, dass das Leben gerade noch in Ordnung sein kann und auf einmal vorbei.

Als sich der Schnee am Abhang löste, war es erst ganz still. Dann laut wie ein Donner. Ich schrie: Eine Lawine! Vor und hinter mir stürzten sich alle in Sicherheit, auch Ruedi. Ich bin keine gute Skiläuferin. Ich stand da wie angeklebt. Ich machte mich ganz klein. Die Lawine kam wahnsinnig schnell näher. Ich schaute sie an, sah Schutt und Schlamm und Holz. Bevor sie mich traf, fühlte ich einen heftigen Windstoß. Mir wurde klar: Das sind die letzten Sekunden meines Lebens.

Ich spürte einen Schlag am Kopf, wurde durch die Luft geschleudert, alles drehte sich. Ich hörte es knacken, wahrscheinlich die Knochen. Plötzlich war ich weg, bewusstlos.

Alles schmerzte, als ich zu mir kam. Ich versuchte mich zu befreien. Aber meine Arme konnte ich nicht bewegen. Und wo meine Beine waren, wusste ich nicht. Ich wollte meine Augen öffnen, konnte aber nur mein rechtes Lid heben. Um mich herum war alles schwarz.

Der Schnee hatte mich eingemauert. Er presste auf mein Gesicht und meinen Brustkorb. Ich konnte kaum atmen. Ich wurde panisch, hatte Angst zu ersticken. Ich schrie, aber hörte meine Stimme kaum. Ich war allein.

Etwa 30 Minuten lag ich unter dem Schnee. Mir kamen sie vor wie Jahre. Irgendwann begann ich zu akzeptieren, dass ich sterben würde. Vor meinem inneren Auge sah ich alte Freunde, meine Familie. Ich konnte mich verabschieden und alle Probleme mit ihnen lösen. Der Abschied von Ruedi war am schwersten. Ich spürte keine Schmerzen mehr. Nie hatte ich mich so friedlich gefühlt. Irgendwann verlor ich wieder das Bewusstsein.

Ich wachte auf, als ich den Helikopter hörte, und sah Menschen, die den Daumen nach oben reckten: Sie lebt! Die waren alle fröhlich. Aber ich nicht. Ich war geradezu enttäuscht, wieder da zu sein. Nicht einmal auf meine Familie freute ich mich. Das ist kaum zu fassen, oder?

Manche bringen sich nach solchen Erlebnissen um. Es ist schwierig, wieder auf der Welt anzukommen, wenn man den Tod schon akzeptiert hatte. Ich litt monatelang unter Depressionen. Ein Jahr dauerte es, alles zu verarbeiten. Seither tue ich nur noch, was mich zufrieden macht. So gesehen war die Lawine meine große Chance.

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