Am Filmset braucht es Verständigung. Louise Kolm-Fleck spricht allerdings kein Chinesisch, als sie in Shanghai im Jahr 1941 mit den Dreharbeiten zu dem Kinofilm Kinder der Welt beginnt. Die österreichische Regisseurin, die gemeinsam mit ihrem zweiten Mann Jakob Fleck inszeniert, kommuniziert also schriftlich mit Schauspielern, mit Technikern und mit dem Drehbuchautor und Produzenten Fei Mu, einem bekannten Filmemacher. Korrekturen und Anweisungen, alles wird erst ins Englische übersetzt, dann ins Chinesische und wieder zurück. Das kuriose Unterfangen geht dennoch auf: Im Oktober läuft das 85 Minuten lange Epos im Kino an, die Kritiken sind gut, der Saal ist stets gefüllt. Doch im Dezember greift Japan Pearl Harbor an, besetzt die ausländischen Konzessionen von Shanghai und verbannt den Film. Die erste europäisch-chinesisch Koproduktion vor Gründung der Volksrepublik China bleibt die letzte, gilt für fünfzig Jahre als verschollen und ward vergessen.

Auch Louise Kolm-Fleck ist bald vergessen. Dabei hat die 1873 geborene Wienerin bis zur Flucht vor den Nationalsozialisten nach China – ihr zweiter Ehemann war jüdischer Herkunft – weit über 100 Mal Regie geführt, noch viel mehr Filme produziert, Drehbücher geschrieben und Österreichs Kinoindustrie mit aufgebaut. In der Filmhistorie gibt es nur eine Frau, die Französin Alice Guy-Blaché, die bereits einige Jahre früher Regie führte.

Das Leben von Kolm-Fleck könne "als Parabel auf die österreichische Filmgeschichte zwischen 1908 und 1945 gelesen werden: der rasante Aufstieg, die Entwicklung des Stummfilms, die goldene Zeit in den 1920er-Jahren, der Wechsel zum Tonfilm, die Vertreibung österreichischer Filmschaffender durch die Nationalsozialisten, das Vergessenwerden nach Ende des Zweiten Weltkriegs", schreibt die Autorin Uli Jürgens in der Biografie Louise. Licht und Schatten. Das Buch, das kommende Woche im Mandelbaum-Verlag erscheint, zeichnet erstmals Vita und Werk von Kolm-Fleck nach, soweit es die Quellen zulassen. Ein Nachlass oder Korrespondenzen sind nicht zu finden, viele Filme sind verschollen, andere nur in Fragmenten erhalten. Dennoch zeichnet sich hinter der bruchstückhaften Chronik das Bild einer ungewöhnlichen Filmemacherin ab, die der Frühgeschichte des österreichischen Films ihren Stempel aufdrückte.

Das Spiel mit Bildern, Bewegung und Inszenierung prägte bereits die Kindheit der als Aloisia Veltée geborenen Tochter einer Französin und des Gründers des Stadt-Panoptikums am Kohlmarkt, wo neben Wachsfiguren bald die ersten Bilder aus einem Kinematografen gezeigt wurden. 1893 heiratete die Tochter den Fotografen Anton Kolm und baute gemeinsam mit dem jungen Schauspieler Jakob Fleck ein Fotostudio auf.

Doch schon 1906 besorgten sie sich eine Filmkamera und hielten kurze Alltagsszenen fest. Zwei Jahre später soll bereits ein erster Film mit fiktionaler Handlung gedreht worden sein: Stufe für Stufe wäre damit der erste österreichische Spielfilm überhaupt. Doch ob es dieses Werk gegeben hat, ist strittig. Sicher ist hingegen: Im Jänner 1910 gründeten Louise Kolm-Fleck, ihr Mann Anton Kolm und Jakob Fleck die Erste Österreichische Kinofilm-Industrie, die später in Wiener Kunstfilm-Industrie umbenannt wird.

Am Alsergrund richteten sie ein Filmstudio ein und etablierten sich rasch mit kurzen Dokumentationen aus Wien und anderen Teilen der Monarchie. Der Durchbruch im Konkurrenzkampf gegen die bis dahin den Markt beherrschenden französischen Filmproduktionen kam für die erste österreichische Produktionsfirma mit der Drehgenehmigung für das Begräbnis des 1910 verstorbenen Bürgermeisters Karl Lueger, einem Idol der Kleinbürger.

Stärker interessierten sich Kolm-Fleck und ihre Partner aber für den Film als künstlerisches Medium. 1910 entstand die erste, noch eher experimentelle Verfilmung von Franz Grillparzers Die Ahnfrau. Louise Kolm-Fleck wurde ein Jahr später, bei der Produktion des volkstümlichen Vorstadtdramas Die Glückspuppe, erstmals namentlich als Regisseurin und Drehbuchautorin genannt. Auch wenn sich die Aufgaben und Rollen der Kompagnons vermischten, zeichnete sich ein Muster ab: Anton Kolm kümmerte sich um das Geschäftliche. Jakob Fleck und Louise Kolm-Fleck führten Regie und produzierten, zugleich schnitt die Pionierin viele Filme und trieb das ganze cineastische Projekt voran.