1.

Wir Menschen tragen die Verantwortung für den Zustand der Welt. Wer sonst? Soweit die Menschen die Natur nicht beherrschen, soweit noch die Natur die Menschen beherrscht, liegt es doch am Menschen, für Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis Vor- und Nachsorge zu treffen. Ebenso tragen wir Europäer die Verantwortung für Europa und wir Deutschen die für Deutschland, wozu wieder gehört, uns auf die politischen und wirtschaftlichen Einwirkungen von außen, die wir nicht beherrschen, einzustellen. Für den einzelnen Menschen gilt nichts anderes; er trägt die Verantwortung für sein Leben, wie immer andere Menschen, die Gesellschaft und der Staat auf ihn einwirken, was immer sie ihm schulden, geben oder vorenthalten mögen.

Dabei wächst, wie alles, beim einzelnen Menschen auch die Verantwortung. Der Jugendliche trägt mehr Verantwortung als das Kind und der Erwachsene mehr als der Jugendliche; wenn sich die Familie und die berufliche Tätigkeit weiten, nimmt die Verantwortung zu; Mitgliedschaften in Organisationen begründen Mitverantwortung für deren Tun; und Bürgerrechte und -pflichten stiften Verantwortung für die Gemeinde, Deutschland und Europa.

Stünde es gut um die Welt, würden die Verantwortungen über institutionelle Transmissionsriemen so ineinandergreifen, dass keine Aufgabe ohne Verantwortliche bliebe, die die Aufgabe wahrnehmen, für die Wahrnehmung Rechenschaft schulden und zur Rechenschaft gezogen werden. Die staatlichen Institutionen würden die Aufgaben von Gemeinde, Land und Bund, die europäischen Institutionen die europäischen und die internationalen Institutionen die Aufgaben der Welt einander ergänzend und legitimierend wahrnehmen – ein Verantwortungs- und Legitimationszusammenhang vom einzelnen Menschen bis zum humanitären Hilfseinsatz der Vereinten Nationen.

So steht es um die Welt nicht. Die Institutionen sind überfordert, die Transmissionsriemen überlastet. Zahllose Aufgaben bleiben ohne Verantwortliche, oder die Verantwortlichen nehmen sie nicht wahr, oder sie werden nicht zur Rechenschaft gezogen. Ein Grund ist, dass das Recht, dem Bestimmtheit und Begrenztheit eignen, sich mit der Etablierung von Verantwortung schwerertut als mit der Etablierung von Pflichten. Denn Verantwortung gilt einer Aufgabe, die der Verantwortliche selbst mit Initiative und Kreativität zu gestalten hat; er schuldet nicht die Erfüllung einer bestimmten und begrenzten Pflicht, sondern eine Einstellung und einen Einsatz, die sich alles zur Pflicht machen, was die Aufgabe verlangt. Ein weiterer Grund ist, dass es immer zu viele und immer wieder zu viele neue Aufgaben gibt, als dass das Recht mit der Etablierung von Verantwortung nachkäme.

Vom gesellschaftlichen Zusammenleben bis zum Zusammenleben der Menschen und Staaten in Europa und in der Welt geht es nicht ohne die freiwillige Übernahme von Verantwortung. In Familie und Beruf, in vertraglichen und nachbarschaftlichen Beziehungen, bei Gefahren und Schäden ist die Verantwortung des Einzelnen einlässlich rechtlich geregelt, ohne dass damit schon Familienglück, Erfüllung im Beruf, Einvernehmen mit dem Vertragspartner und Eintracht mit dem Nachbarn gewährleistet wären. Ebenso schulden Staaten einander mehr als die Erfüllung rechtlicher Verpflichtungen, wenn sie ersprießlich miteinander auskommen wollen, und Menschen leisten einander über Länder und Kontinente hinweg Hilfe, weil sie sich miteinander solidarisch fühlen. Manchmal ist diese zusätzliche Verantwortung ganz und gar freiwillig und kann wie übernommen so verweigert werden. Manchmal ist sie als politische und moralische Verantwortung so einleuchtend, so zwingend, dass sie begegnet, als sei sie unabweisbar auferlegt. Wann sie das ist und wie weit sie reicht, sind zentrale Fragen unserer heutigen Verantwortungskultur.

Dabei gilt, dass Menschen ihre Verantwortung, ist sie ihnen erst einmal auferlegt oder von ihnen freiwillig übernommen, auch wahrnehmen müssen. Viele akzeptieren das und genügen ihrer Verantwortung. Andere weigern sich, Verantwortung zu übernehmen, und stehlen sich aus auferlegter und übernommener Verantwortung. Aber niemand entgeht der Verantwortung. Steht er nicht zu ihr, halten ihn die anderen an ihr fest; wenn sie über keine anderen Sanktionen verfügen, entziehen sie ihm ihr Vertrauen und wenden sich enttäuscht von ihm ab. In Gesellschaft leben, ohne Verantwortung zu tragen und Rechenschaft zu schulden, geht nicht; Verantwortung ist ein konstitutives Moment menschlicher Existenz.

2.

Die Verantwortung, die in unserer Gesellschaft ohne rechtliche Verpflichtung übernommen wird, gilt einem bunten Gemisch von originellen und konventionellen, plausiblen und sonderbaren Aufgaben. Hunde, Katzen, Kinder, Kranke, Kunst, Musik, Schulen, Wanderwege, Wildparks, Streuobstwiesen, Wattlandschaften, Start-ups – es gibt nichts, wofür Menschen nicht Verantwortung übernähmen. Inwieweit sie damit das Gemeinwesen fördern, müsste eine Bilanz zeigen, die es nicht gibt. Wenn junge Menschen für Biotope und Habitate kämpfen, aber nicht wählen gehen, wenn Unternehmer sich um Museen und Orchester kümmern, aber nicht um ihre Arbeiter und ihre Kunden, wenn Nichtregierungsorganisationen Gutes tun wollen, aber, miteinander konkurrierend, Schlechtes bewirken, wenn vermögende und gebildete Eltern ihre Kinder auf private Schulen schicken statt auf öffentliche, wodurch jene besser und diese schlechter werden, wenn Geld steuerbegünstigt kulturellen Projekten zufließt, das als Steueraufkommen für demokratisch legitimierte Kulturförderung gebraucht würde, zeigt sich, dass die Bilanz schwierig ist.

Verantwortung als Liebhaberei hat mit der primären Verantwortung, die den Rollen gilt, die Menschen in der Gesellschaft primär spielen, ebenso wenig zu tun wie Tennis oder Urlaub. Richter sind verantwortlich dafür, dass ihre Entscheidungen das Recht zur Geltung bringen, Wissenschaftler für methodisch korrekte Forschung und Unternehmer für ihre Produkte und den Erfolg ihres Unternehmens. Wenn sie dieser Verantwortung nicht genügen, wird es durch keine wohltätige Liebhaberei aufgewogen. Verantwortung als Liebhaberei wiegt auch nicht auf, was für den Zusammenhalt der Gesellschaft getan werden könnte und müsste, aber nicht getan wird – in Wahrnehmung wie in Ergänzung der primären Verantwortung.

Für den Zusammenhalt der Gesellschaft sind wir zum einen in Wahrnehmung unserer primären Verantwortung verantwortlich. So ist für den Zusammenhalt der Gesellschaft entscheidend, dass Menschen Arbeit haben, von ihrer Arbeit leben und in ihrer Arbeit ihre Würde erfahren, und ob sie dies können, hängt nicht nur, aber auch von Unternehmern und deren Bereitschaft ab, sich in Wahrnehmung ihrer primären Verantwortung zugleich in Verantwortung für den Zusammenhalt der Gesellschaft zu sehen. Die Bereitschaft ist gering, geringer als die Bereitschaft zu liebhaberischer Wohltätigkeit; dies wird damit begründet und verteidigt, dass Wirtschaften nicht anders könne, als den Zwängen der globalen Märkte zu gehorchen, und sich daher einer moralischen Zuschreibung von Verantwortung entziehe und dass überdies die Arbeitnehmer für ihre Qualifikation, ihre Flexibilität, ihre Mobilität, ihre Leistungsorientierung selbst verantwortlich seien. Die Verantwortung für den Zusammenhalt der Gesellschaft wird weitergereicht, nach unten wie nach oben – von Unternehmern an die Arbeitnehmer, von Bankern an den Staat, der Finanzmärkte stärker regulieren müsse, wenn er Finanzkrisen vermeiden wolle.

Für den Zusammenhalt der Gesellschaft sind wir zum anderen in Ergänzung unserer primären Verantwortung verantwortlich. Für ihren Zusammenhalt ist die Gesellschaft darauf angewiesen, dass Menschen für die und in den Institutionen des Gemeinwesens Verantwortung übernehmen. Politik, Parteien, Schulen und Universitäten, Gewerkschaften und Verbände, Kirchen – die Institutionen halten die Gesellschaft nur zusammen, wenn die Bürger sich in ihnen engagieren. Wenn sie wählen und sich wählen lassen, wenn sie Mitglieder in Parteien werden, wenn sie als Eltern nicht nur ihr Kind sehen, sondern die Schule als Gemeinschaft von Kindern und Lehrern, wenn sie als Professoren nicht nur die reputations- und gehaltsmehrende Forschung zu ihrer Sache machen, sondern die Lehre, die Bildung der Studenten und das öffentliche Gespräch, wenn sie sich als Studenten um Hochschulpolitik kümmern, wenn sie als Arbeitnehmer die Gewerkschaften nicht nur für sich arbeiten lassen, sondern auch für die Gewerkschaften arbeiten, wenn sie die Kirchen immerhin wissen lassen, warum sie austreten, wenn sie austreten. Die Institutionen, von denen das Gemeinwesen lebt, sind rechtliche Gebilde, brauchen aber mehr als nur das Engagement, zu dem die Bürger rechtlich verpflichtet sind.