Wen der Zustand der internationalen Beziehungen interessiert, der kann nach New York reisen, nach Peking, nach London – oder nach Kassel. In einer ruhigen Seitenstraße der hessischen Residenzstadt steht das Wohnhaus von Hans Eichel. Eichel war unter Gerhard Schröder deutscher Finanzminister, vor 20 Jahren erhielt er seine Ernennungsurkunde und ließ sich danach gern mit Sparschweinen abbilden. Bald darauf wurde das Land von einer schweren Wirtschaftskrise erfasst, die Arbeitslosigkeit stieg, Eichel musste sparen, und die Regierung Schröder wurde abgewählt.

Was kaum jemand weiß: Hans Eichel gehört zu den Architekten eines Systems, das die Welt bislang zusammenhielt. Es beruht auf der Annahme, dass alle gemeinsam mehr erreichen als einer allein. Der Erdball wurde mit einem Netz von Verträgen, Abkommen und Partnerschaften überzogen. Sie binden die Nationalstaaten aneinander und unterwerfen sie gemeinsamen Regeln, um so Frieden und Wohlstand zu sichern. Das Prinzip nennt sich "Multilateralismus".

Als Eichel sein Amt antrat, war dieses Netz noch lose geknüpft. Doch in jener Zeit brach in Asien eine Finanzkrise aus, die andere Regionen der Welt anzustecken drohte. Es gab keinen Ort, keine Gelegenheit, bei der die Mächtigen der Welt sich über Gegenmaßnahmen hätten verständigen können. Eichel sagt: "Da war eine Lücke." Also machte er sich mit seinem Staatssekretär Caio Koch-Weser daran, diese Lücke zu schließen. Im Sommer 1999 luden sie die Finanzminister und Notenbankchefs der 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen nach Berlin ein. Es war das erste Treffen einer Runde, die sich bis heute austauscht: die Gruppe der G20.

Mit Großveranstaltungen wie vor zwei Jahren in Hamburg hatte das wenig zu tun. "Das war ein informeller Kreis", sagt Eichel, "wir haben über Dinge geredet, die uns wirklich wichtig waren." Zwar gab es schon vorher Wirtschaftsgipfel, aber man hielt sie getrennt voneinander ab: Hier alte Industriestaaten wie Deutschland, die USA und Japan, dort aufstrebende Schwellenländer wie China, Brasilien oder Indien. Im Dachrestaurant des Berliner Reichstags saßen nun alle an einem Tisch: Asiaten und Europäer, Muslime und Christen, Prinzen und Demokraten. Man lernte einander kennen und ein bisschen verstehen.

Die G20 wurde das Symbol einer Welt, die sich als Gemeinschaft begreift, als "globales Dorf", wie es Eichel formuliert. Als zehn Jahre später die amerikanische Bank Lehman Brothers Bankrott machte und die nächste Finanzkrise die Welt bedrohte, trat ihr die Staatengemeinschaft vereint entgegen: Man verabschiedete ein weltweites Konjunkturprogramm und neue Regeln für die Banken.

Hans Eichel hat dafür gesorgt, dass das Netz der internationalen Kooperation engmaschiger wurde, der chinesische Finanzminister Jin Renquin nannte ihn irgendwann beinahe zärtlich seinen "großen Bruder", so erzählt es Eichel. Doch wenn er heute auf die Welt blickt, muss er einräumen: "Es ist schwieriger geworden, alle um einen Tisch zu versammeln." Das Netz löst sich auf.

Großbritannien will am 29. März die Europäische Union verlassen. Eine brutale Zäsur in der auf Integration vertrauenden europäischen Nachkriegspolitik.

Japan will wieder Wale jagen – erstmals seit 31 Jahren ohne vertragliche Beschränkungen. Die Regierung wird zu diesem Zweck jene internationale Kommission verlassen, die die vom Aussterben bedrohten Meeressäuger schützt.

Brasilien steigt im September offiziell aus dem Migrationspakt der Vereinten Nationen aus, der die weltweiten Wanderungsbewegungen ordnen soll. Der neue Präsident will über Migration "selbst bestimmen" und auch den Regenwald zum kurzfristigen Vorteil der Nation weiter abholzen lassen.

Die USA werden im November 2019 den Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen wahr machen. Präsident Donald Trump sieht in der Vereinbarung einen Nachteil für die Wirtschaft seines Landes.