Ich habe eine wunderbare Freundin, der ich viel verdanke, aber von der ich mich leider entfernt habe. Eigentlich hat sie sich entfernt. Sie ist weggezogen aufs Land, sie lebt jetzt in einer Villa, in der jeder Raum ein eigenes Farbkonzept hat. Sie hat drei Kinder, einen Mann, einen Hund, das war zumindest mein letzter Stand.

Manchmal telefonieren wir, neulich zum Beispiel hatte ich wahnsinnig viel zu tun, wir sprachen nur kurz. Ich jammerte ein bisschen rum, wie viel ich zu erledigen hätte, als sie sagte: Du, ich hab ein tolles Rezept gegen Stress.

Pause.

Ein eigenes Pferd.

Das Pferd, sagte sie, würde sie unheimlich gut runterbringen, beim Reiten, beim Striegeln, beim Ausmisten der Box. Ein Pferd sei ein Wunder für die geistige Gesundheit, sie gehe als kranker Mensch zum Pferd hin und als gesunder wieder weg.

Ich muss gestehen, ich dachte im ersten Moment, dass wenig mein Leben so sehr belasten würde wie ein Pferd, höchstens vielleicht eine eigene Giraffe. Andererseits soll man nicht immer alles ablehnen, was einem auf den ersten Blick absurd erscheint. Vielleicht würde mir ein Pferd guttun, mal so richtig abpferden, rumpferden, einpferden. Reiten kann ich leider nicht, ich habe Angst vor Pferden, seit mich als Kind mal eins getreten hat.

Auf pferde.de kostet ein "atemberaubender bildschöner barocker grosser PRE Hengst" 12.000 Euro, "Traumpferd Spanier Cremello mit blauen Augen" 6500 Euro, die Stute "Fjola von der Sandheide" 2500 Euro, alle Preise Verhandlungsbasis. Stuten sind offenbar viel günstiger als Hengste. Tierheime für Pferde existieren anscheinend nicht, es gibt keine durch Städte streunenden Schimmel und keine Araberhengste, die in den Ferien auf dem Weg zum Lago Maggiore an der Raststätte zurückgelassen werden. Das Pferd, ein Tier zum Kaufen und Liebhaben.

Andererseits, das wurde mir bei der Google-Bildersuche klar, haben Pferde wirklich ein Problem mit ihrer Attitüde. Geht es nur mir so, oder sehen Pferde immer leicht vorwurfsvoll aus? Googeln Sie mal "Pferd": ständig in Posen auf den Hinterbeinen, ständig glutäugig beleidigte Blicke, ständig theatralisch wallende Mähne. So, stelle ich mir vor, begrüßte Elisabeth Taylor Richard Burton, wenn er mal wieder ohne Diamanten nach Hause kam.

Ich habe mir dann den Fotoratgeber Was denkt mein Pferd? gekauft. Was genau Pferde denken, über Grundeinkommen, Gelbwesten, mich, steht da zwar nicht, dafür aber, was Pferde mögen und was weniger. Ständiges Klopfen auf den Hals, wie man es im Fernsehen sieht, mögen sie zum Beispiel nicht. Sie stehen auch nicht auf falsche Komplimente. Damit sind sie nach meiner Erfahrung den meisten Menschen weit voraus. "Es gibt für mich kein Pferd neben dir" wäre aus meinem Mund wohl ein gutes Kompliment, weil wahr. "Ich wollte schon immer ein Pferd wie dich" wäre gelogen, würde das Pferd verärgern und unsere Beziehung stören. Ehrlichkeit als Grundlage einer Beziehung gefällt mir, auch wenn es natürlich anstrengend wäre, wenn das Pferd mich immer mit seinem Elisabeth-Taylor-artigen Wo-ist-mein-Geschenk-Blick mustern würde. Aber wenn alles gut läuft, könnte ich für mein Pferd der "Fels in der Brandung" werden, das steht in dem Buch.

Als ich das las, war es leider vorbei. Das Pferd sollte doch mein Fels in der Brandung sein, nicht ich seiner.

Offenbar, so las ich im Internet, sind Pferde sehr empathisch und nehmen Stress auf wie ein Schwamm. Sie werden dann selbst gestresst, unruhig, fahrig, unzufrieden. Durchfall, Magengeschwüre und Koliken können die Folge sein. Sie werden schlimmstenfalls zu sogenannten Problempferden, den Ausdruck erfinde ich nicht, den gibt es. Problempferde brauchen Aufmerksamkeit und Pflege. Im schlimmsten Fall könnte mein gestresstes Problempferd zum Stressabbau ein eigenes Pferd brauchen. Ich glaube, das würde mir zu viel.