Ich denke als Philosoph und als Psychiater darüber nach, wie Freiheit, Überforderung und Verantwortung zusammenhängen. Besonders beschäftigt mich, wie gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen uns als Subjekte überfordern. Viele sind davon so erschöpft, dass sie die Eigenverantwortung für ihr Leben gerne los wären oder an andere abträten. Es ist zwar nicht neu, dass die Freiheit als schwer erträglich erscheint: Schon Goethes Werther und Dostojewskis Großinquisitor stellten fest, dass die Menschen sich von dem bisschen an Freiheit überfordert fühlen, das ihnen bleibt. Und Sartre bemerkte, dass Menschen deshalb nach allen Mitteln und Wegen suchen, um sich nur als Spielbälle von objektiven Prozessen und Mächten zu verstehen. Heute allerdings, in den unübersichtlichen Dynamiken der globalen Verdichtung und Beschleunigung, empfinden viele die Zumutung, ständig selbst wählen und entscheiden zu müssen, als so groß, dass sie an ihr seelisch erkranken.

Denn dem Subjekt wird heute gesellschaftlich die Verantwortung für seinen Lebensweg auferlegt, für das Gelingen wie das Scheitern. Es muss sich ständig optimieren, immerzu am Ball bleiben. Im Vergleich mit vorgegebenen Lebensmustern bedeutet das einen fortwährenden psychischen Stress. Wir sollen Verantwortung für uns übernehmen, ohne jedoch erkennen zu können, wer die komplexen Prozesse steuert, die uns als übermächtig und unheimlich erscheinen. Erkrankungen wie Burn-out oder Depression haben mit dem Gefühl zu tun, sich diesen Anforderungen nicht entziehen zu können.

In dieser Überforderungssituation verspricht es eine Entlastung, als Subjekt die Verantwortung zurückzuweisen: Ein Opfer kann nichts dafür. Ein Opfer oder ein Spielball zu sein lässt es gerechtfertigt erscheinen, der Zuwendung zu bedürfen und sich in der eigenen Schwäche anderen zu überantworten – nicht zuletzt damit sie mit der Verantwortung potenziell auch die Schuld tragen. Diesem Bedürfnis nach Entlastung kommen zwei machtvolle Tendenzen entgegen: Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz tendiert dazu, Entscheidungen an digitale Systeme zu delegieren und uns so tatsächlich von Eigenverantwortung zu entlasten. Und die Hirnforschung schreibt das Entscheiden dem Gehirn zu, das uns in seiner biochemischen Weisheit die Verantwortung abnehme.

Doch der Preis für die Entlastungssehnsucht ist hoch: Sie schwächt dauerhaft die eigene Stellung, untergräbt den Selbstwert. Und sie beraubt uns der Möglichkeit, die Macht anderer Menschen und der Maschinen, die sie herstellen, zu kontrollieren. Es lohnt sich nicht, ohnmächtig zu sein. Philosophisch und ärztlich gilt es zu entgegnen: Es macht uns frei, Verantwortung zu übernehmen, weil sie eine zentrale Quelle von Selbstwert und Selbstvertrauen bedeutet. Und nur wer die Freiheitserfahrung macht, vermag sich auch gesellschaftlichen Zumutungen und Zwängen zu widersetzen.