Es wird schlimm werden, malamente, die Zeichen stehen auf Unheil, böse Ahnungen haben das junge Mädchen ergriffen. Doch machen ihr diese Ahnungen keine Angst: Die Sängerin, die wir hier hören, wirft sich erwartungsfroh und voller Vorlust ins Kommende. Malamente, das haucht sie so glockenhell offen und zugleich kühl zurückweisend ins Mikrofon, dass man beim Hören sofort den Atem anhält. Der Rhythmus dazu wird mit den Händen geklatscht wie in einem Flamenco-Stück, doch darunter pluckert auch eine alte 808-Drum-Machine, wie sie einst den Sound des Detroit-Techno mitprägte; und ein schwingender Bass unterwühlt das Gefüge der Klänge wie in einem zeitgenössischen R-’n’-B-Track.

El Mal Querer heißt das Album, auf dem sich dieses Stück findet, und es ist eine Sensation. So virtuos, anspielungsreich und erotisch wie die spanische Sängerin Rosalía hat schon lange niemand mehr die musikalische Tradition mit der Moderne verbunden; und ein großes Pop-Werk weiblicher Selbstermächtigung ist es auch. In ihrem Heimatland ist Rosalía damit über Nacht zu einem Superstar aufgestiegen; auch in den USA wird die 25-Jährige gefeiert, bei der Verleihung der Latin Grammys im vergangenen November erhielt sie zwei Trophäen. In Deutschland hingegen ist sie noch zu entdecken, aber dass sie auch hierzulande groß rauskommt, spätestens mit ihrer Tournee, die für den Herbst avisiert ist, kann als gesichert gelten.

Über den traditionsreichen Flamenco führt sie den Hörer ein in den Globalpop

Fest steht: Wenn es in dieser Saison irgendein Pop-Album gibt, das man hören muss, dann ist es ihres. Wegen der Schönheit des Gesangs und der Melodien, wegen der Raffinesse der Arrangements und der Klangbilder; vor allem aber: weil man hier auf eine Künstlerin trifft, die etwas wirklich Neues versucht.

Ihre Karriere hat Rosalía als klassische Flamenco-Sängerin begonnen, schon als Teenagerin begleitete sie in ihrer Heimatstadt Barcelona regelmäßig die Gitarristen in den Tablaos, jenen Bars, in denen das musikalische Erbe bewahrt und weitergereicht wird. Acht Jahre lang studierte sie schließlich an der katalanischen Musikhochschule den Flamenco-Gesang – und das, sagt sie, ist dafür keine sonderlich lange Zeit, denn wer den Flamenco wirklich beherrschen will, seine klanglichen Feinheiten, seine Kodizes und seine Körperlichkeit, der muss sich ihm mit seiner ganzen Existenz überantworten, mit Demut und Respekt vor der jahrhundertealten Geschichte.

Aber wer demütig ist, muss deswegen noch lange nicht den Stillstand begrüßen. Auf ihrem Debütalbum Los Ángeles aus dem Jahr 2017 sang Rosalía noch ganz klassisch-minimalistisch, begleitet von dem Gitarristen Raül Refree. Auf El Mal Querer hat sie die Palette der Rhythmen und Sounds nun entschieden erweitert; es gibt Synthesizer, Drum-Machines, Streicher; sie singt mit sich selber im Chor und lässt ihre Stimme von elektronisch verfremdeten Stimmfragmenten umschwirren; und in dem Stück De Aquí No Sales sampelt sie den Beat aus den Geräuschen startender Motorräder, um zum Finale wieder helles Händeklatschen darüberzufügen.

El Mal Querer, das heißt: die schlimme Liebe. Und schlimm ergeht es dem Paar, von dessen Liebe Rosalía in den elf Liedern auf diesem Album erzählt, angelehnt an eine okzitanische Novelle aus dem 13. Jahrhundert, Le Roman de Flamenca. Es geht um Begehren und Gewalt, um Unterwerfung und wiedererlangte Souveränität über das eigene Leben und die Sexualität. Der eifersüchtige Ehemann schließt seine Frau in einen Kerker und quält sie.