Der erste Gipfel des Vatikans zum Thema Missbrauch findet vom 21. bis 24. Februar statt. Der Papst zitiert die Bischöfe der Welt nach Rom.

High Noon im Vatikan. Die Weltkirche wird im Februar einen Film erleben, dessen Ende manche schon zu kennen glauben: Showdown zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Dunkel, zwischen Aufklärern und Vertuschern des Missbrauchs – bis eine Seite endgültig siegt. Doch so einfach wird es kommende Woche in Rom, beim ersten Bischofstreffen über sexuelle Gewalt und Kinderschutz, das je ein Papst anberaumte, garantiert nicht.

Im Herbst 2018, angesichts der eskalierenden Missbrauchsskandale auf mehreren Kontinenten, hatte Papst Franziskus beschlossen, die Bischöfe der Welt nach Rom zu rufen, und zwar bald. Vom 21. bis 24. Februar treffen sich nun die Vorsitzenden von 114 Bischofskonferenzen, dazu weibliche und männliche Ordensobere, Häupter katholischer Ostkirchen und natürlich Betroffene. Organisiert wird das historische Ereignis von Kardinal Blase Cupich aus Chicago, Kardinal Oswald Gracias aus Mumbai, Erzbischof Charles Scicluna von Malta – und einem kleinen Team, dem auch der Autor dieser Zeilen angehört. Die Organisatoren haben konferiert und geskypt, haben Exerzitien abgehalten und Fragebögen formuliert, haben neun Vorträge auf die Tagesordnung gesetzt und sich von Botschaftern beim Heiligen Stuhl beraten lassen. Vor allem aber haben sie den Streit innerhalb und außerhalb der Kirche beobachtet.

Die, die nun auf einen Showdown der Bischöfe hoffen, seien gewarnt: Zuschauer wie Akteure des Treffens sind sich völlig uneins. Sind jene "die Guten", die dem Missbrauch begegnen wollen, indem sie sich strikt an die Lehre der Kirche halten? Sind jene "die Bösen", die tief greifende Reformen fordern? Oder umgekehrt? Viele Akteure schießen seit Monaten ihre Thesen nervös in die Luft. Das wird nicht genügen.

Andererseits: Nervosität ist angebracht. Unsere ganze Kirche muss nervös sein, weil in ihrem Verantwortungsbereich Verbrechen geschahen, die immenses Leid verursachten. Vertreter der Kirche haben verschleiert, verzögert, vertuscht. Nun muss es endlich eine vollständige Aufarbeitung des Unrechts und eine Wiedergutmachung für die Betroffenen geben. Bloßes "Um-sich-Ballern" mit folgenlosen Appellen oder pessimistischen Vorhersagen bringt nichts.

Je länger man sich mit dem Thema Kindesmissbrauch beschäftigt, desto klarer wird einem, welche großen Fragen damit verbunden sind. Bei dem Gipfel in Rom kann es daher nicht nur um den Missbrauch selbst, es muss auch um die Kontrolle von Macht und um die angemessene Beteiligung von Frauen gehen, um den Klerikalismus jener Priester, die glauben, allein aufgrund ihres Priesterseins besondere Vorrechte zu haben, aber auch um den Klerikalismus von Laien, die einen Priester nicht als fehlbaren Menschen sehen wollen. Die Missbräuche durch Priester fanden nicht im luftleeren Raum statt, sondern unter Bedingungen, die überall in der Weltkirche ähnlich sind. Die Gefahren im System gilt es nun zu sehen – aber differenziert.

Es bringt nichts, vorschnell eine Gruppe von Schuldigen auszumachen. Neuerdings werden homosexuell veranlagte Menschen oder zölibatär lebende Männer unterschiedslos als Gefährder gebrandmarkt, auch durch Vertreter unserer Kirche. Die Pauschalisierer stellen ganze Gruppen unter Verdacht, um sich die Mühe der Unterscheidung zu ersparen. Zugleich prophezeien sie die Ergebnislosigkeit des Februartreffens, bevor die Bischöfe überhaupt an die Arbeit gegangen sind.

Es gibt viel passiven Widerstand gegen das Thema Missbrauch: Er reicht von einem generellen Unwohlsein, "darüber" zu sprechen, und dem Unwillen, Fehler einzugestehen, bis hin zu der Weigerung, Verantwortung zu übernehmen und die Komplexität des Problems anzuerkennen. Zum Beispiel: Die einen verteufeln den Zölibat, obwohl er nicht eo ipso zum Missbrauch führt, die anderen wollen nicht einsehen, dass zölibatäres Leben unter bestimmten Bedingungen ein Risikofaktor sein kann. Und dann gibt es noch die, die jetzt besonders nachdrücklich eine enge Ausrichtung an der Lehre der Kirche fordern und damit ein Mehr des bisher Gewohnten. Man sollte aber auch fragen: Passt die Lehre zum Leben und das Leben zur Lehre? Wie hat das bisherige Selbstverständnis der Kirche einen klaren Blick auf die Missbrauchsursachen verhindert? Die katholische Kirche muss jetzt über ihre jahrzehnte- und jahrhundertelang eingeübten Denkmuster streiten. Keine Beschäftigung mit dem Einzelfall und kein päpstliches Machtwort kann das ersetzen.