DIE ZEIT: Herr Wichmann, Sie haben sich als Epidemiologe jahrzehntelang mit den Gefahren von Schadstoffen in der Luft befasst, unter anderem für die Weltgesundheitsorganisation WHO. Was haben Sie gedacht, als Sie das Papier des Lungenarztes Dieter Köhler und seiner Kollegen gelesen haben, die darin die Aussagekraft von Grenzwerten zu diesen Stoffen in Zweifel ziehen?

Heinz-Erich Wichmann: Ich habe mich sehr gewundert, dass es einen solchen Wirbel verursacht hat. Die Autoren nennen ja nur sehr schwache Argumente, die schon vor Jahrzehnten als nicht haltbar eingeordnet wurden.

ZEIT: Eines aber hat Köhler geschafft: Es wird darüber diskutiert, ob die Grenzwerte gelockert werden sollen. Sollen sie?

Wichmann: Die EU orientiert sich an den Richtwerten der Weltgesundheitsorganisation, und die werden ständig überprüft – was gerade wieder geschieht. Die WHO wird wohl bald neue vorstellen, anschließend wird auch über neue EU-Grenzwerte zu entscheiden sein.

Der Epidemiologe Heinz-Erich Wichmann war bis 2011 Direktor des Instituts für Epidemiologie des Helmholtz-Zentrums München und Professor an der LMU München. Er wurde vor allem bekannt durch seine Arbeiten zum Thema Feinstaub – und durch den Auftritt in der Talkshow "Anne Will" zum Streit um Abgaswerte. © Enno Kapitza für DIE ZEIT

ZEIT: Was meinen Sie: Werden diese eher gesenkt oder erhöht?

Wichmann: Seit der letzten Analyse vor gut zehn Jahren ist der Wissensstand sehr viel besser geworden, und wenn es danach geht, werden die Richtwerte nicht gelockert werden.

ZEIT: Die EU muss sich aber nicht an die Richtwerte der WHO halten.

Wichmann: Nein, die Politik kann sagen: Uns reicht ein niedrigerer Gesundheitsschutz. Aber sie müsste gute Argumente vorlegen, warum sie von den neuen WHO-Erkenntnissen abweichen möchte. Sie muss dies schließlich vor den Bürgern rechtfertigen.

ZEIT: Welcher Luftschadstoff ist denn gefährlicher: Stickoxid (NO2) oder Feinstaub?

Wichmann: Feinstaub stellt das wesentlich größere Gesundheitsrisiko dar. In Kurzzeit-Experimenten zeigen sich nicht nur schädliche Wirkungen auf die Atemwege, sondern etwa auch auf das Herz-Kreislauf-System. Diese Ergebnisse passen zu den epidemiologisch beobachteten Langzeitwirkungen, die etwa zu Herz-Kreislauf-Krankheiten, Lungenkrankheiten oder zum Lungenkrebs führen können. Über die Gefährlichkeit von Feinstaub gibt es unter Experten keinen Streit.

ZEIT: Ganz anders als beim NO2 ...

Wichmann: Ja, da ist die Situation deutlich schwieriger. Man kann das Gas zwar sehr gut messen, etwa an Straßen, man weiß aber nicht genau, ob es wirklich das NO2 selbst ist, das einen Schaden anrichtet, oder ob das Gas nicht eher ein Indikator für einen Schadstoffmix ist, in dem neben NO2 auch ultrafeine Partikel oder Dieselruß enthalten sind. Man kann die Wirkung des NO2 nicht sauber abgrenzen von der der anderen Stoffe.

ZEIT: Also ist NO2 allein nicht schädlich?

Wichmann: Doch. Man hat die Kurzzeitwirkungen gut untersucht und findet einen unstrittigen Zusammenhang: NO2 schadet den Atemwegen. Es kann etwa Asthma auslösen. Darüber hinausgehende biologische Wirkungen sind bisher nicht ausreichend belegt.

ZEIT: Was ist mit Langzeitwirkungen?

Wichmann: Um die experimentell zu erforschen, müsste man Versuchstiere oder Menschen über ein Jahr oder länger dem Gas aussetzen. Das geht natürlich nicht. Eine belastbare Aussage zu den Langzeitwirkungen bekommt man nur mit epidemiologischen, also statistischen Methoden. Die zeigen dann tatsächlich ein Risiko für die Gesundheit.

ZEIT: Ein langfristig erhöhter NO2-Wert an einer Straße deutet also auf eine Gesundheitsgefahr hin, obwohl man nicht genau weiß, ob es das NO2 direkt ist, das gefährlich ist, oder eher der Schadstoffmix?

Wichmann: Genau. Ist NO2 erhöht, erhöht sich statistisch gesehen das Risiko für die Menschen. Man muss aber davon ausgehen, dass der Schadstoffmix dafür verantwortlich ist und nicht allein NO2 als Gas.

ZEIT: Ist das eher Ihre persönliche Meinung – oder ist das durch Studien abgesichert?

Wichmann: Die amerikanische Umweltbehörde EPA hat sich 2016 gründlich die Studien zum NO2 angeschaut. Dabei kamen die Experten zu dem Ergebnis: Es gibt keine klaren Belege, dass isoliertes NO2 zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt oder zu einer erhöhten Sterblichkeit.