Der vergangene Montag, der 11. 2. also, war der Tag des europäischen Notrufs, und zwar nicht zufällig, denn die Nummer, die man anrufen muss, wenn man die Feuerwehr sprechen möchte, lautet 112. Nur einen Tag nach dem 11. 2. wiederum verstarb Thomas Bernhard im Jahr 1989, was nun genau 30 Jahre her ist (genau wie der Fall der Mauer, die Geburt von Taylor Swift und die erste Ausstrahlung von Die Simpsons).

Die zeitliche Nähe des Tages des europäischen Notrufs zum Todesdatum von Thomas Bernhard ist für Menschen, die nicht an die Theorie der Erde als Scheibe glauben, Zufall (genauso wie Mauerfall plus Geburt Taylor Swift nur eine Koinzidenz darstellen). Es gibt aber insofern eine ziemlich stabile Verbindung, als die Figuren in Thomas Bernhards Texten immer in Not sind, man sich also gern und immer wieder auf Thomas Bernhard verlässt, wenn man in Not ist, und man die Feuerwehr ebenfalls anruft, wenn man in Not ist. Man ruft gewissermaßen Thomas Bernhard an oder die Feuerwehr, beides ist vielleicht gar nicht so weit voneinander entfernt, und außerdem haben beide (die Feuerwehr und Thomas Bernhard, Thomas Bernhard aber ohne blaues Häkchen) einen Twitter-Account (Bernhard am 9. 2. 2019 auf Twitter: "Der Pegel des Stumpfsinns steigt").

Der vergangene Montag jedenfalls schien, wenn man sich und dem Leben auf der Straße zusah, zunächst ein ganz normal niederträchtiger Tag zu werden, aber er war eben, wie gesagt, gleichzeitig auch der Tag des europäischen Notrufs, und an diesem Tag twitterten unter dem Hashtag #112live in Deutschland 41 Berufsfeuerwehren aus ihrem Alltag, um die Menschen am Feuerwehrleben teilhaben zu lassen, wobei man als Twitter-Zuschauerin tatsächlich in Rührungsnot geriet.

"Eine junge (...) Person liegt auf dem Gehweg und weint, weitere Angaben sind nicht möglich", twitterte die Berliner Feuerwehr um 11.45 Uhr. Und: "Am Flughafen Tegel soll eine Person Hilfe benötigen." Und: "1 Person sitzt in einem stecken gebliebenen Aufzug fest und muss aus diesem befreit werden.", "Eine Person klagt über Schmerzen überall und phantasiert.", "Die Rauchentwicklung kam von angebranntem Essen auf einem Herd. Keine Verletzten – unsere Kräfte rücken wieder ab."

Bäume fielen um, Brände mussten gelöscht und "erkrankten", "verwirrten", "alkoholisierten" Menschen musste geholfen werden, ja allen wurde, unter Verwendung rührenden Vokabulars, unausgesetzt geholfen. Kein Anliegen war zu klein, kein Mensch zu irgendwas – die Feuerwehr kam und hob Menschen in Not wieder von der Straße auf. Man hatte also kurz die Idee, die Menschen in diesem Land würden durchweg betreut werden, und war kurz davor, den Tod, Jens Spahn, Alice Weidel und das alles zu vergessen, denn es gab ja die Feuerwehr – aber in diesem Augenblick twitterte Thomas Bernhard: "Es ist, wie es ist, und es ist fürchterlich." Und alles war wieder okay.