Es ist ein Ständchen der besonderen Art. Miloš Zeman, Tschechiens Präsident, setzt sich im November am Rande der Importmesse in Shanghai ans Klavier und spielt für seinen Amtskollegen Xi Jinping den Jazz-Klassiker Sentimental Journey. Der Song gilt als Lieblingslied des chinesischen Präsidenten – und der zeigt sich entsprechend gerührt. Lange und herzlich drücken die Staatsmänner einander die Hände.

Aber es geht zwischen Prag und Peking um weit mehr als um persönliche Sympathie. Die Regierung der Volksrepublik hat Tschechien zu einem Schwerpunkt ihrer europäischen Außen- und Wirtschaftspolitik gemacht. Mit mehr als 900 Milliarden Dollar hat Xi Jinping sein Lieblingsprojekt "Neue Seidenstraße" ausgestattet, an dem gigantischen Netzwerk neuer Schienenwege und Schiffsrouten, Autobahnen, Pipelines und Daten-Highways sollen über 70 Staaten weltweit beteiligt werden. Das größte Konjunkturprogramm seit dem Marshallplan und eine Chance für alle, sagen die einen; eine gefährliche Welteroberungsstrategie, die Empfängerländer direkt in die Schuldenfalle führe, meinen die anderen.

Tschechiens Präsident gehört nicht zu den Skeptikern. Er wolle Prag zum "Einfallstor" für die Chinesen in Europa machen, hat Miloš Zeman einmal gesagt, zu einem "Flugzeugträger chinesischer Investitionen". In einem Interview mit dem Pekinger Staatssender CCTV im vergangenen Jahr ging er noch weiter und versprach eine politische Umorientierung. Er werde dafür sorgen, dass mit der "Unterwürfigkeit" seines Landes gegenüber den USA und der EU bald Schluss sei. Von westlicher Wertegemeinschaft, von Menschenrechten, von Distanz zur chinesischen Autokratie ist längst keine Rede mehr.

Ausgerechnet Tschechien. Seit dem mit vielen Opfern bezahlten Aufstand gegen die russischen Aggressoren während des Prager Frühlings 1968, seit der Samtenen Revolution zwei Jahrzehnte später, bei der sich die Tschechen erfolgreich gegen die fremden Herren auflehnten, glaubte man im Westen, dieses Volk sei mit einem Freiheitsgen geimpft, immun gegen Autokratie und ausländische Bevormundung. Der Dichterpräsident Václav Havel wurde Hausherr auf dem Hradschin und kämpfte von der Prager Burg aus gegen Diktaturen aller Art. Im Dalai Lama sah er einen geistigen Verbündeten, Rücksicht auf Peking war ihm fremd. Tschechien galt bis zu Havels Tod 2011 in der EU als schärfster Kritiker der Volksrepublik.

Das änderte sich, als zwei Jahre später Miloš Zeman Staatspräsident wurde. Zeman reiste zum Staatsbesuch nach Peking, empfing Chinas Präsident mit allen Ehren in Prag. Tibets Friedensnobelpreisträger war dagegen nicht mehr willkommen. Zeman sah in der 2013 von Xi propagierten Neuen Seidenstraße die "bemerkenswerteste Initiative der modernen menschlichen Geschichte" – und eine Chance für sein Land, daran kräftig mitzuverdienen.

Ausgerechnet Zeman. Noch ein paar Jahre zuvor hatte der oft polternde und provozierende Politiker tschechische Kollegen, die sich für bessere Beziehungen zu Peking aussprachen, pauschal verspottet: "Die sind sogar bereit, sich vom Chirurgen Schlitzaugen machen zu lassen." Jetzt umgarnt er selbst Xi wie kein anderer, zu jedem Kotau bereit, und hat dafür gesorgt, dass die Abgesandten des Pekinger Staatschefs zu mächtigen Männern in Prag wurden.

Allen voran Ye Jianming. Den Chef des Mischkonzerns CEFC China Energy machte er 2015 zu seinem persönlichen Berater in Wirtschaftsfragen, mit direktem Zugang zum Hausherrn der Burg. Ye, Anfang vierzig, galt als Wunderknabe unter den chinesischen Unternehmern, auffällig oft bewegte er sich an der Seite des chinesischen Präsidenten. Seine Firma war schnell unter die weltweiten Top-500-Unternehmen der Forbes- Liste aufgestiegen und diente, obwohl es sich formal um ein nicht staatliches Unternehmen handelte, ganz offensichtlich als Instrument für strategische Investitionen.

Wie in einem Kaufrausch raffte CEFC alles zusammen, was in und um Prag herum käuflich zu erwerben war: Bürogebäude, Hotels, Finanzgesellschaften, ein Medienkonglomerat, die Firma, die Tschechiens nationale Fluglinie kontrolliert. Aber auch an Brot und Spielen zeigten sich die fremden Herren interessiert: Eine der ältesten Brauereien des Landes ging an den chinesischen Investor sowie mit Slavia Prag eine Traditions-Fußballmannschaft.

Zwischen einer und zwei Milliarden Euro hat CEFC in Tschechien während der vergangenen drei Jahre ausgegeben – eine eindrucksvolle Summe. Gleichwohl bleiben die Investitionen der Volksrepublik immer noch weit hinter denen Deutschlands, Österreichs und auch Südkoreas zurück. Allein deutsche Unternehmer investieren pro Jahr etwa zehnmal so viel wie chinesische. Hinzu kommen üppige Fördergelder aus Brüssel. Mit 2,5 Milliarden Euro pro Jahr gehört Tschechien zu den größten Nettoempfängern innerhalb der EU.

China sichert sich jedoch auch auf anderen Wegen Einfluss. Mehrere Vertraute des Präsidenten Zeman bekamen Posten bei der Firma CEFC, unter anderem der Ex-Verteidigungsminister Jaroslav Tvrdík sowie Stefan Füle, Ex-Mitglied der EU-Kommission in Brüssel. Der frühere Außenminister Jan Kohout steht einem neu geschaffenen "Institut Neue Seidenstraße" vor. Die nach eigenen Angaben "unabhängige Denkfabrik", nahe der Karlsbrücke in der Prager Altstadt gelegen, soll Geschäfte "innerhalb des Neue-Seidenstraße-Konzepts fördern" und eine "Welt der sinnlosen Konfrontation" durch eine "Welt der Kommunikation" ersetzen. Dass dies ganz in Pekings Sinne geschieht, zeigen Zemans Entscheidungen, die er Hand in Hand mit dem in Korruptionsfälle verstrickten und dadurch weitgehend von ihm abhängigen Ministerpräsidenten Andrej Babiš fällt.