Die Fragestellerin bezieht sich in ihrer Zuschrift konkret auf Menschen, die eine Überdosis Schlaftabletten genommen haben. In Fernsehkrimis wird der Suizidkandidat dann gern gerüttelt und geschüttelt mit den Worten: "Bleiben Sie bei uns! Sie dürfen uns nicht verlassen!" Der Spruch fällt aber auch bei anderen Verletzungen, etwa wenn jemand angeschossen wurde und schwer atmend in einer Blutlache liegt. Heißt das, dass die Person eher stirbt, wenn man sie einschlafen lässt?

Wenn jemand wirklich viele Schlaftabletten genommen hat, ist es das Wichtigste, ihn oder sie auf dem schnellsten Wege ins Krankenhaus zu bringen. Dort stellen die Ärzte Fragen: nicht nur nach dem Namen und der Adresse, sondern auch nach der medizinischen Vorgeschichte, nach Allergien. Vor allem aber wollen sie wissen: Welches Medikament haben Sie genommen und wie viel davon? Es ist viel einfacher, dem Opfer zu helfen, wenn es diese Fragen selbst beantworten kann. Das Wachhalten hat also eher praktische Gründe. Und falls der Patient doch einschläft, ist es gut, wenn schon der Ersthelfer die wichtigsten Fragen gestellt hat. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass die Tabletten irgendwann ihre Wirkung tun.

Ein besonderer Fall sind Kopfverletzungen, vor allem Gehirnerschütterungen. Früher wurde in solchen Fällen geraten, den Patienten nicht einschlafen zu lassen. Dahinter stand die Angst, dass er unbemerkt aufgrund einer im Schlaf auftretenden Gehirnblutung ins Koma fallen könnte. Aber dieser Ratschlag wird heute nicht mehr gegeben – im Gegenteil, Schlaf gehört zum Gesundungsprozess dazu. Allenfalls sollte man, besonders bei Kindern, alle zwei Stunden überprüfen, ob sich der Verletzte noch leicht aufwecken lässt. Und wenn er vor dem Einschlafen Symptome wie Verwirrtheit, geweitete Pupillen oder Sprachstörungen gezeigt hat, gehört er ohnehin umgehend in die Notaufnahme.

In einem Internetforum äußerten sich Rettungssanitäter zu der Frage. Sie waren sich einig, dass sie selbstverständlich lieber Patienten transportieren, die bei Bewusstsein sind, weil man die ständig befragen kann, wie sie sich fühlen, ob die Symptome sich verschlimmern. Aber es wird nicht per se gefährlicher, wenn ein Verletzter einschläft. Die entsprechenden Szenen im Fernsehen dienen also der Dramatisierung. Und der häufig zu hörende Satz "Verlass uns nicht!" bedeutet in Wirklichkeit "Stirb jetzt nicht!".

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