Christine Schwarz ist Psychologin in der Berliner Kriseneinrichtung für Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund "Papatya". Die gibt es seit 1986, Schwarz gehörte von Anfang an zum Team, in dem nur Frauen arbeiten: Türkinnen, Kurdinnen, Araberinnen, Deutsche. Papatya besteht im Wesentlichen aus einer Etagenwohnung in einem Berliner Mietshaus. Wo diese liegt, ist geheim, weil die Mädchen und jungen Frauen, die dort Zuflucht suchen, von ihren Familien bedroht werden. Nicht einmal den Stadtteil nennt Schwarz. Ihr Name wurde für dieses Interview anonymisiert. Acht Plätze gibt es in der "Krisenwohnung"; im Schnitt bleiben die Bewohnerinnen dort zwei Monate. Von ihnen stammt zurzeit etwa ein Viertel aus Syrien, 15 Prozent kommen aus türkischen Familien und weitere 15 Prozent aus Afghanistan. Betroffen sind auch Mädchen aus irakischen und libanesischen Familien, aus Tschetschenien, dem Kosovo und weiteren Balkanstaaten.

DIE ZEIT: Frau Schwarz, Ihre Einrichtung hat neulich Alarm geschlagen: 570 Fälle von Zwangsverheiratungen wurden 2017 in Berlin gezählt – ein Höchststand, im Vergleich zu 2013 eine Steigerung von fast 24 Prozent. Wie erklären Sie sich den Anstieg?

Christine Schwarz: Ehrlich gesagt, schlagen wir schon seit 2001 Alarm. Damals haben wir zusammen mit anderen Einrichtungen den Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung gegründet. Gemeinsam haben wir jetzt zum dritten Mal berlinweit Beratungsstellen, Jugendämter, Schulen und die Polizei befragt, ob ihnen Fälle von Zwangsehen bekannt sind. Wir haben nicht nur vollzogene Zwangsehen gezählt, sondern auch solche, die angedroht wurden. Für 2013 lag die Zahl bei 460. Dieses Mal haben wir mehr Institutionen befragt, das könnte eine Erklärung für den Anstieg sein. Für uns in der Einrichtung gehört die Androhung der Zwangsehe zu den häufigsten Gründen, warum Mädchen und Frauen sich an uns wenden.

ZEIT: Bekannt werden nur Fälle, in denen die Frauen Widerstand leisten. Gibt es in Wirklichkeit noch viel mehr Zwangsehen?

Schwarz: Darüber wird diskutiert. Manche sagen, das seien Einzelfälle. Bei Papatya glauben wir eher, dass nur die Spitze des Eisbergs zu sehen ist. Fast jedes betroffene Mädchen bei uns hat Schwestern oder Cousinen, die auch gegen ihren Willen verheiratet werden, sich aber nicht trauen, sich zu wehren.

ZEIT: Wie definieren Sie, was eine Zwangsehe ist?

Schwarz: Wir und auch die Behörden in Deutschland legen die Definition in die Hände der Betroffenen: Wenn sie sagen, ich wurde gezwungen, ich will oder wollte das nicht, dann ist es eine Zwangsehe.

ZEIT: Wie werden die Frauen gezwungen?

Schwarz: Das ist ein Kontinuum. Es beginnt vielleicht mit psychischem Druck, der auf die Frauen ausgeübt wird. Da sagt die Mutter: Willst du uns zum Gespött machen? Oder: Wenn du dich weigerst, deinen Cousin zu heiraten, muss er im Kriegsgebiet bleiben, und du wirst für seinen Tod verantwortlich sein. Aber manchen Frauen wird auch schlicht mit Ermordung gedroht. Andere werden ins Ausland verbracht. Sie werden in die frühere Heimat gelockt, zu der Hochzeit einer Cousine oder etwas Ähnlichem, und dürfen nicht mehr zurück nach Deutschland. Dass ein Mädchen gegen seinen Willen heiraten soll, ist ja nicht ein plötzlicher Einfall der Familien. Meist gehen dem Gewalt und Abwertung voraus. Manchmal ist der Anlass, dass das Mädchen einen Freund hat – dann meint die Familie, sie müsse jetzt schnell handeln. In anderen Fällen ist die Androhung der Zwangsehe für die jungen Frauen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Sie haben vielleicht schon lange Gewalt und Kontrolle ertragen, und sie sagen sich: Ich muss hier sofort weg.

ZEIT: Sind von der Zwangsehe auch minderjährige Frauen betroffen?

Schwarz: In der Community der Roma zum Beispiel werden viele Ehen nicht standesamtlich, sondern rituell geschlossen, das heißt, die Behörden bekommen davon nichts mit. Da können auch Minderjährige betroffen sein. Manche Mädchen sind auch schon seit ihrer Geburt einem Cousin versprochen und wissen, dass sie niemand anderen heiraten dürfen.

ZEIT: Um die Kinderehe zu bekämpfen, hat der Bundestag 2017 beschlossen, dass auch im Ausland rechtmäßig geschlossene Minderjährigenehen unwirksam sein sollen. Die Zukunft des Gesetzes ist aber ungewiss, das Bundesverfassungsgericht prüft es gerade. Wie wichtig ist dieses Verbot?

Schwarz: So ein Verbot ist nicht in erster Linie deshalb positiv, weil das genötigte Mädchen endlich seine Familie verklagen kann. Aber für Einrichtungen wie unsere und für die Behörden ist es gut, dass Klarheit herrscht: So etwas ist in Deutschland verboten, Behörden müssen eingreifen, Betroffene haben Anspruch auf Hilfe. Wir haben ja einen langen Prozess der kulturellen Relativierung hinter uns, wenn ich das so nennen darf. Sehr lange hieß es in Deutschland viel zu oft: Na ja, so ist das eben bei euch, das ist eure Kultur. Das Verbot der Kinderehe ermöglicht es uns, zu sagen: Da ist eine minderjährige Ehefrau, da müssen wir genau hinsehen. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die junge Frau genau so leben will, und dann sollte sie auch bei ihrem Mann bleiben dürfen.