Das Mühlenberger Loch

Der Flugzeugbau in Hamburg mutete der Umwelt und Blankeneser Nachbarn wie Christof Siemes einiges zu

Bei uns in Hamburg-Blankenese ruft das Aus der A380 gemischte Gefühle hervor. Genugtuung ist dabei, aber auch postume Wut. Schließlich war die Geburt des Riesenvogels dafür verantwortlich, dass man am Elbhang nicht mehr so gut das Gefühl haben konnte, schon am Meer zu wohnen.

Am Mühlenberger Loch ist die Elbe beinahe drei Kilometer breit; da kann der Blick fast ozeanisch schweifen, obwohl die Küste in Wahrheit über 100 Kilometer entfernt ist. Aber weil das größte Passagierflugzeug der Welt um jeden Preis auch in Hamburg gebaut werden sollte, wurde das größte Süßwasserwatt Europas teilweise zugeschüttet. Das geschah übrigens mit Zustimmung eines grünen Umweltsenators. Angesichts der Verheißung von 5.000 neuen Arbeitsplätzen waren die paar Wattwürmer und sonstigen Anwohner chancenlos. Natürlich hatten viele Blankeneser bei ihrem Protest gegen die 700-Millionen-Euro-Baustelle auch eigennützige Motive: Sie fürchteten, dass ihre Traumimmobilien, die plötzlich mit Blick auf einen Industriekomplex in einer Einflugschneise lagen, rapide an Wert verlieren würden; in manchen Vorgärten schossen "Zu verkaufen"-Schilder wie Pilze aus dem Boden. Und die Segler bangten um ihr grandioses Revier, das übrigens nie ein Wunder der Natur, sondern immer schon eine Art flüssige Industrieruine war: Zu voller Größe gelangte das Mühlenberger Loch erst in der Nazizeit, ausgebaggert als Start- und Landebahn für die vermeintlich kriegsentscheidenden "Flugboote", die hier von Blohm & Voss entwickelt und getestet wurden – noch so eine historische Schnapsidee der Luftfahrt.

Nun ist die Airbus-Wette, dass die Zukunft den Megajets gehören wird, geplatzt, und die Blankeneser denken sich: Haben wir’s doch gewusst. Dazu kommt der Zorn darüber, dass die Riesenhallen wohl auch ohne den Überflieger stehen bleiben werden. Und dass einige der vor mehr als 20 Jahren versprochenen Ausgleichsflächen immer noch nicht als Naturschutzgebiete ausgewiesen sind. Und die Segler? Fürchten sich davor, dass auch noch das Restloch versandet. Diesmal auf natürliche Weise.

Berliner Luft

Die Taufe einer neuen Maschine am Flughafen Tegel erlebte Marcus Rohwetter ganz anders als gedacht

An manche Großereignisse denkt man lange zurück. Vor allem, wenn sie komplett anders abgelaufen sind als eigentlich geplant. Die Taufe einer neuen A380 am 22. Mai 2012 war so ein Ereignis.

Bei bestem Wetter landete die Maschine der Lufthansa auf dem Flughafen Tegel und rollte zum Vorfeld, auf das bald darauf zahlreiche Gäste drängten. Der Pilot hängte Berlin-Fähnchen aus den geöffneten Cockpitfenstern, und eine Gangway wurde herangeschoben. Der damalige Chef der Lufthansa, Christoph Franz, begrüßte den Bürgermeister Klaus Wowereit, der eine Karaffe mit Spreewasser über die Nase des Riesenfliegers goss, ihn auf den Namen Berlin taufte und ihm "allzeit guten Flug" wünschte.

Aber die Partylaune war getrübt. Denn ursprünglich wollte die Hauptstadt gleich weiterfeiern: die Eröffnung des neuen Berliner Großflughafens BER nämlich, von dem aus die Lufthansa künftig in alle Welt aufbrechen sollte und der endlich auch groß genug gewesen wäre für damals noch für zukunftsträchtig gehaltene Maschinen wie die A380. Die Plakate zur Eröffnung des BER warben nur Wochen zuvor mit: "Danke, Tegel". Darunter stand, dass die Hauptstadt vom 3. Juni an einen neuen Flughafen haben werde, besser und größer als der alte. An diesem Tag sollte Tegel seine Betriebserlaubnis verlieren, so hatte es die Betreibergesellschaft beantragt. Eine aufmerksame Behördenmitarbeiterin hatte den Antrag abgelehnt, weil Tegel damit für alle Zeiten eine tote Piste gewesen wäre. Ich habe mit dieser Frau damals gesprochen. Ihre Entscheidung war wenig populär, aber hellsichtig. Ohne sie wäre die Bundeshauptstadt bis heute aus der Luft so gut wie gar nicht mehr erreichbar. Das wäre peinlich.