DIE ZEIT: Herr Finkielkraut, was ist Ihnen am vergangenen Samstag in Paris geschehen?

Alain Finkielkraut: Ich will versuchen, die Dinge so genau wie möglich zu erzählen. Ich kam zurück vom Restaurant und begleitete meine Schwiegermutter im Taxi nach Hause in die Rue Campagne Première. Nachdem ich sie abgesetzt hatte, wollte ich zu Fuß weitergehen, weil ich nicht weit entfernt wohne. Ich sah dann die Gelbwesten über den Boulevard Montparnasse ziehen. Ich habe nur einen Moment zugeschaut, da wurde ich schon erkannt. Sofort sind einige Demonstranten auf mich zugekommen, gestikulierten, um mich einzuschüchtern, und warfen mir Schimpfwörter an den Kopf. Sie schrien so laut, dass ich sie kaum verstehen konnte. Ich sah mich gezwungen, zurückzuweichen. Einige folgten, wollten mich jagen, mich körperlich angehen, wahrscheinlich um mich niederzuschlagen. Da stellte sich ein Polizeitrupp zwischen uns und hielt die Leute davon ab, mir in die Rue Campagne Première nachzustellen. Ich nahm dann einen Umweg, um nach Hause zu kommen.

ZEIT: Ahnten Sie, welche Folgen die Szene haben würde?

Finkielkraut: Ich wollte nur unbedingt meiner Frau davon erzählen und konnte nicht abwarten, dass sie vom Einkaufen zurückkommt. Dann haben wir die Bilder im Fernsehen gesehen und begriffen plötzlich das unerhörte Ausmaß der Geschichte.

ZEIT: Die Bilder und die Beschimpfungen wie "dreckiger Zionist", "verrecke" oder Parolen wie "Wir sind das Volk" konnten einen gerade als Deutschen zu Wut und Tränen treiben.

Finkielkraut: Man musste aber genau hinhören. Natürlich handelte es sich um einen antisemitischen Übergriff. Allerdings nicht um einen, den man im Lexikon des traditionellen Antisemitismus nachlesen kann. Ich habe niemanden "dreckiger Jude" rufen hören. Stattdessen hieß es: "Scheiß-Zionist", "Rassist", "Faschist", "Palästina, Palästina". Einer der aufdringlichsten Demonstranten zeigte seine muslimische Kopfbedeckung und sagte, Gott werde mich bestrafen, denn "Frankreich gehört uns!". Eigentlich gehört der Ausdruck "Frankreich den Franzosen" ins rhetorische Arsenal des klassischen nationalen Antisemitismus. Doch wissen wir nun aufgrund der Polizeiermittlungen, dass derjenige, der mir das zugerufen hat, ein Salafist ist. Wenn er mir das zuruft, tut er es in der Hoffnung, dass der Islam eines Tages Frankreich erobert.

ZEIT: Sie glauben, der Eindruck eines antisemitischen Déjà-vu ist falsch? Es geht um einen neuen Typ des Antisemitismus?

Finkielkraut: Der neue Antisemitismus gibt sich als Anti-Rassismus aus. In manchen Milieus wird der Davidstern inzwischen mit dem Hakenkreuz gleichgesetzt. Also nützt es nichts, sich im Gedenken an den Holocaust zu schämen. Die neuen Antisemiten wollen nämlich, dass wir uns schämen: und zwar für Israel, das ihnen zufolge einen neuen Holocaust an den Palästinensern begeht.

ZEIT: Die Demonstranten, die Sie angriffen, trugen allerdings gelbe Westen. Gerade die neue soziale Bewegung der Gelbwesten rekrutiert sich vor allem aus der normalen Bevölkerung. Umso größer war daher der Schreck. Waren es nicht doch ganz normale Leute, die sich plötzlich als Antisemiten entpuppten, so wie früher in Deutschland?

Finkielkraut: Nein. Wir befinden uns nicht auf dem Rückweg in die 1930er-Jahre. Wir erleben einen anderen Antisemitismus, der umso gefährlicher ist, weil er sich nicht anklagen lässt. Denn er kommt im Namen der Unterdrückten, der Entrechteten und einer leidenden Menschheit daher.

ZEIT: Sie haben die Gelbwesten bis vor Kurzem unterstützt.

Finkielkraut: Die Gelbwesten drücken tatsächlich die Sorgen und die Wut des Teils von Frankreich aus, der zugunsten der großen Metropolen vergessen und vernachlässigt wurde. Ich schließe nicht aus, dass der Antisemitismus die Gelbwestenbewegung teilweise durchdringt. Aber die Leute, die mich am Samstag sofort erkannten und angriffen, hatten Negativbilder im Kopf, die seit Langem in der intellektuellen Öffentlichkeit Frankreichs im Umlauf sind. Nicht wenige Journalisten und Intellektuelle halten mich seit Jahren, auch wenn sie es so nicht sagen, für einen Rassisten und Faschisten. Die Gelbwesten haben nur den Anschuldigungen, die innerhalb der Intelligenzija entwickelt wurden, einen bedrohlichen Charakter verliehen. Deshalb ist es zu einfach, die Gelbwesten zu beschuldigen. In Wirklichkeit stammt die Gewalt der Attacke gegen mich aus der Welt der französischen Kultur.