Alexander Gauland gehört zu den wenigen Politikern, die ihre Bücher nicht schreiben lassen, sondern selbst schreiben. Deswegen verraten sie, anders als die Fleißarbeiten beauftragter Lohnschreiber, tatsächlich etwas über Geist und Stimmung des Verfassers. Gaulands Vorliebe gilt historischen Themen, vor allem solchen aus der englischen Geschichte, auf deren glanzvolle Vertreter er immer wieder zurückkommt. Sein Favorit ist Edmund Burke, dessen Betrachtungen über die Französische Revolution, erschienen im Jahre 1790, zum Stammbuch der Konservativen in ganz Europa wurden. Die Rede, mit der Gauland 2014 als Alterspräsident den neu gewählten Brandenburger Landtag eröffnet hat, war eine einzige Huldigung an Edmund Burke.

Gauland kennt allerdings noch einen zweiten Helden, Charles-Maurice de Talleyrand. Zeitgenosse von Burke, war der französische Diplomat in mancher Hinsicht das perfekte Gegenstück zu dem Abgeordneten aus Irland. Talleyrand hat allen möglichen Herren gedient, dem König, der Kirche, der Republik, dem Direktorium, dem Kaiser und dann, nach etlichen Um- und Abwegen, wieder dem König. Und er hat alle, wenn es ihm an der Zeit schien, mehr oder weniger elegant verraten. Gauland schätzt ihn als einen Mann, der in gefährlichen Zeiten den Vorteil seines vielfach bedrängten Landes zu wahren wusste. Was freilich nur die halbe Wahrheit ist, da es sich für einen Mann wie Talleyrand von selbst verstand, den eigenen Vorteil mit dem des Landes eng zu verbinden. Heute hängt sein Bild, nicht das von Burke, über dem Schreibtisch des Fraktionsvorsitzenden der AfD im Deutschen Bundestag.

Angesprochen auf den Gegensatz, pflegt Gauland abzuwinken. So etwas interessiert ihn nicht. Worauf es ihm ankommt, ist der Stil, das gelassene Selbstbewusstsein einer Schicht, die sich ein Leben ohne Politik nicht vorstellen konnte; und diesen Eindruck vermittelt der irische Parlamentarier ja in der Tat genauso wie der hochadlige Franzose. Für Gauland zählt die Form, hat der gelungene Auftritt genauso viel, vielleicht sogar noch etwas mehr Bedeutung als alles andere. Wenn er auf die Whigs zu sprechen kommt, die an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert in England den Ton angaben, klingt er elegisch. Er schwärmt von einer Zeit, in der es ein paar Familien gab, deren Angehörige, wie es ein von ihm gern zitiertes Bild ausmalt, wie edles Damwild in der Sonne glänzten.

Seitdem die industrielle Revolution die Maßstäbe für alles das, was sich früher einmal von selbst verstand, über den Haufen geworfen hat, kann von einer Elite im hergebrachten Sinne einer Schicht, die dafür bürgt, "dass es oben richtiger zugeht als unten", keine Rede mehr sein. Das weiß auch Alexander Gauland. Dass er die Erinnerung an diese Zeit pflegen und bewahren will, macht den oberflächlichen Charme seines sentimental getönten Konservativismus aus.

Helmut Kohl, zu dem er als CDU-Vorsitzendem ein schwieriges Verhältnis unterhielt, hat er alles Mögliche nachgesehen: seine engherzige Personalpolitik, sein Eintreten fürs Privatfernsehen, die Ausbeutung der Familie und vieles mehr. Worüber er nicht hinwegkam, war Kohls Stil, seine Vorliebe für Wohnküchen, fette Koteletts und süße Weine. "Bismarcks sprachliche Kraft, Rathenaus Kunstsinn und Stresemanns Weltläufigkeit", das waren die Eigenschaften, deren Mangel er Kohl zwar nicht zum Vorwurf machte, unter deren ostentativer Missachtung er aber doch litt. Was er Kohl nicht verzeihen konnte, war dessen Schicksal, Vertreter einer höchst gewöhnlichen Epoche zu sein. Der demokratische Politiker, so Gaulands abschließendes Urteil, könne den Staat zwar verwalten, aber nicht mehr darstellen.

Wer überhaupt noch Sinn für die Bedeutung des Symbolischen, für den Gehalt von Fahnen, Gesten und Gebräuchen hat, wird ihm zustimmen. Wenn man dann weiter geht und danach fragt, ob und wie Gauland versucht, den brüchig gewordenen Faden wieder aufzunehmen und das Bestehende, so gut es geht, zu verteidigen, entdeckt man ihn am Fuße des Kyffhäuser-Denkmals, der scheußlichsten von allen Scheußlichkeiten, die uns die Bauwut des Wilhelminismus hinterlassen hat – das sind nicht etwa meine, sondern seine Worte. Gauland empfindet die Bismarck-Türme und Kaiser-Wilhelm-Tempel als ästhetische Zumutungen. Er hält es mit dem bewusst konservativen Kunsthistoriker Hans Sedlmayr, der die steinerne Hofhaltung zu Füßen des gewaltigen Turmes mit der Gestalt des thronenden Barbarossa als "sehr übles Theater" beschrieb.

Dieses Theater bildet die Kulisse für den Aufmarsch, zu dem Björn Höcke seine Gefolgschaft einmal im Jahr in Thüringen versammelt; Gauland stets unter ihnen. Beim letzten Treffen dieser Art, diesmal im benachbarten Burgscheidungen, stellte sich Höcke seinen Leuten nicht mehr als Barbarossa, sondern als jugendlicher Liebhaber vor. Bei seinem ersten Besuch im nahe gelegenen Naumburg, erzählte er mit neckischem Unterton, habe er neben den Zeugnissen einer großen Vergangenheit auch seine erste Liebe kennengelernt. Man ahnt, was kommt, und ringt die Hände; aber da ist es schon zu spät, und Björn aus Lünen erklärt mit leuchtenden Augen, umtost vom Gebrüll seiner Anhänger, seine Liebe zu Uta von Naumburg. Sehr übles Theater, noch einmal.