Als Amazon im September 2017 verkündete, ein zweites Hauptquartier bauen zu wollen, reichten 200 Städte ihre Bewerbung ein. Tucson, in der Wüste Arizonas gelegen, schickte einen sieben Meter hohen Saguaro-Kaktus in die Amazon-Zentrale nach Seattle. Der Bürgermeister von Kansas City schrieb eigenhändig 1.000 positive Bewertungen für Produkte aus dem Online-Shop. Eine Gemeinde im Bundesstaat Georgia wollte sich sogar in Amazon umbenennen.

Mehr als ein Jahr später gab der Konzern die Entscheidung zum intern HQ2 genannten Projekt bekannt. Ein kleinerer, regionaler Ableger sollte in der Nähe von Washington gebaut werden, das eigentliche Hauptquartier aber im New Yorker Stadtteil Queens. In der vergangenen Woche zog Amazon die Zusage wieder zurück. Der Standort ergebe nur dann Sinn, wenn "langfristig positive Beziehungen und Kooperation" vor Ort möglich wären.

Grund für den überraschenden Rückzug waren Proteste von Bürgerinitiativen, Gewerkschaften und Lokalpolitikern. Sie fürchteten steigende Mieten und Lebenshaltungskosten in dem von Amazon ausgewählten Stadtviertel, in dem bislang noch viele New Yorker mit niedrigerem Einkommen leben. Vor allem aber kritisierten sie die drei Milliarden Dollar Subventionen, die Amazon für die Ansiedlung des HQ2 bekommen sollte. Ein derartiges Steuergeschenk für einen Konzern mit 800 Milliarden Dollar Börsenwert, der für seine Steuervermeidungskünste bekannt ist und dessen Chef Jeff Bezos mit einem Privatvermögen von 133 Milliarden Dollar die Rangliste der reichsten Menschen der Welt anführt – das löste bei vielen in der Metropole Empörung aus. Das großzügige Willkommenspaket hatten New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio und Andrew Cuomo, der Gouverneur des Bundesstaates New York, mit Vertretern von Amazon ausgehandelt. Der Stadtrat von Queens und die Abgeordneten der betroffenen Wahlbezirke waren allerdings nicht eingeweiht gewesen und fühlten sich hintergangen.

Nach dem Rückzieher ging der Streit erst richtig los. "New York bestätigt seinen unternehmensfeindlichen Ruf", titelte das Führungskräftemagazin Chief Executive. Die New York Times kanzelte die Proteste als "peinlich" ab. Selbst die Pop-Ikone Cher fragte auf Twitter, wieso 25.000 neue Jobs keine gute Sache für New York gewesen sein sollten.

Als der Konzern seine Pläne für das HQ2 vorstellte, schien Amazon noch unaufhaltsam. In kaum mehr als 20 Jahren hatte Bezos seine Garagenfirma zu einem globalen Technologieführer gemacht. Er selbst schrieb seinen Erfolg dem laserscharfen Fokus auf die Wünsche der Kunden zu. So gut glaubt Amazon seine Käufer zu kennen, dass das Unternehmen 2013 sogar ein Patent für einen Algorithmus angemeldet hat, der anhand früherer Ordern berechnet, was der Kunde bald bestellen wird. Der Algorithmus soll dann dafür sorgen, dass das Produkt schon auf den Lastwagen verladen wird, noch bevor der Kunde es tatsächlich bestellt hat. Zu den wichtigsten Grundsätzen der Amazon Way genannten Firmenphilosophie gehört der "Tag eins": Mitarbeiter sollen stets so handeln, als sei es der erste Tag nach der Gründung eines Start-ups. Bezos größte Sorge ist es, dass aus Amazon ein unbeweglicher Großkonzern wird, der nicht rechtzeitig auf Veränderungen reagieren kann. "Wenn dieser Laden wird wie Microsoft, dann stirbt er", sagte er früher einem Manager. Wohl auch deshalb stemmt sich Amazon gegen mehr Mitbestimmung. Als Volksvertreter bei einer Anhörung im New Yorker Stadtrat fragten, ob Amazon eine gewerkschaftliche Organisation der Mitarbeiter am Standort New York zulassen würde, antworteten die Konzern-Emissäre schlicht: "Nein."

Diese Kompromisslosigkeit hat Amazon nicht nur zu einem von Konkurrenten gefürchteten Unternehmen gemacht, sondern in New York auch zu einem unbeliebten Eindringling. Zu den radikalsten Kritikern der Ansiedlung in Queens wurde Alexandria Ocasio-Cortez, inzwischen besser bekannt unter ihrem Kürzel AOC. Die 29-Jährige ist der neue Politstar der Demokraten. Nachdem sie im vergangenen Jahr erst überraschend einen etablierten Parteifreund bei den Vorwahlen geschlagen hatte, gewann sie im Herbst die Wahl zur Abgeordneten im US-Repräsentantenhaus. Mit ihrer Forderung, den Steuersatz für Superreiche auf 70 Prozent zu erhöhen, machte sie weltweit Schlagzeilen. Beim Weltwirtschaftstreffen in Davos im Januar sorgte Ocasio-Cortez’ Vorstoß bei den versammelten Unternehmenschefs, Bankvorständen und Milliardären für Entsetzen.