Als ich die struppigen braunen Hunde im Schatten der Arche Noah bemerke, ist es schon zu spät. Erst knurren sie nur, dann bellen sie, und schon jagen sie mit gefletschten Zähnen auf mich zu – so schnell, dass mir kaum Zeit bleibt, mich umzudrehen. Ich sprinte los, auf den ägyptischen Säulentempel zu. Als ich bei einer Sphinx links abbiege, rutsche ich auf einer zersplitterten Marmorplatte aus und falle der Länge nach hin. Schnell schnappe ich mir einen Stein und werfe ihn nach den Hunden. Doch so erbärmlich, wie ich jetzt daliege, scheine ich keine Bedrohung mehr für sie darzustellen. Sie verschwinden mit einem letzten Knurren. Der Marmor unter mir zerbröselt, als ich mich aufrichte. Er ist bloß bemalter Beton, wie alles hier, eine verlassene Filmkulisse mitten in der marokkanischen Wüste.

Vorreiter auf dem Kamel: In David Leans "Lawrence of Arabia" spielt neben Peter O'Toole auch die Wüste eine zentrale Rolle. © ddp

Ich treibe mich auf dem riesigen Gelände der Atlas Studios außerhalb der Kleinstadt Ouarzazate herum – vier Stunden Busfahrt von Marrakesch entfernt, südlich des Atlasgebirges. Solange niemand dreht, kann man das Gelände besichtigen.

Nachdem in den Sechzigerjahren Lawrence of Arabia und in den Siebzigern Star Wars die marokkanische Wüste als Kulisse genutzt hatten, erkannte ein lokaler Geschäftsmann das Potenzial dieser unwirtlichen Gegend: Hier gab es Sonne, Sand und Platz im Überfluss. 1983 eröffnete er die Atlas Studios. Martin Scorsese drehte hier Die letzte Versuchung Christi, Bernardo Bertolucci Himmel über der Wüste, James Bond kam für Der Hauch des Todes. Auch deutsche Filme entstanden. In Der Baader Meinhof Komplex stellte die Landschaft um Ouarzazate den Nahen Osten dar, für den Fernsehfilm Die Päpstin ließ Regisseur Sönke Wortmann das mittelalterliche Rom nachstellen. Oliver Stone jagte Alexander durch die Einöde, Asterix und Obelix besuchten hier den Palast der Kleopatra, und Ridley Scott drehte einen Großteil seines Gladiator auf dem in die Wüste ausgreifenden Studiogelände. Angeblich steht irgendwo weit draußen noch ein Kolosseum.

Den ersten kleinen Kinoschauder löst allerdings kein Monumentalbau aus, sondern eine heruntergekommene Tankstelle zwischen Ouarzazate und dem Eingang der Studios, die auf einem Werbeschild an der Straße "Cold Beer" verspricht. Das wäre jetzt, nach stundenlanger Busfahrt, genau das Richtige. Moment – in Marokko ist Alkohol zwar nicht verboten, aber das Land ist muslimisch genug, keine Werbung dafür zu machen. Außerdem scheint die Tankstellentür verbarrikadiert zu sein, und auf dem Parkplatz stehen nur Autowracks. Ich denke: Hier stimmt etwas nicht. Dann fällt es mir ein – diese Tankstelle, ein Außenposten amerikanischer Provinz, gehört zum Set des Horrorfilms The Hills Have Eyes von 2006, in dem verweichlichte Großstädter auf der Speisekarte mutierter Kannibalen landen.

Für den "Baader Meinhof Komplex" mit Moritz Bleibtreu entstand auf dem Studiogelände ein palästinensisches Trainingslager. © Fotes

Der Eingang zu den Studios liegt wenig später fast verlassen in der Hitze des Morgens. Ein massives, drei Meter hohes Tor, flankiert von zwei ägyptischen Statuen mit langem Kinnbart. Der Ticketschalter befindet sich in einem blechernen Wohnwagen daneben. Dort frage ich nach geführten Touren; gelegentlich soll es sogar Busausflüge zu besonders entlegenen Aufbauten geben. Der Mann im Wohnwagen zuckt bloß gelangweilt mit den Schultern, verkauft mir ein normales Ticket und lässt mich allein aufs Gelände.

Gleich hinter dem Eingang stehen sich ein Hotel und ein fernöstlicher Palastbau gegenüber. Das Hotel, in dem sonst die Filmcrews unterkommen, ist eine Ansammlung kleiner Lehmwürfel, um einen Pool gruppiert. In der Lobby sind überlebensgroße Oscar-Statuen aufgestellt, Marilyn Monroe zwinkert von einem kitschigen Wandgemälde herüber. Hollywood scheint trotzdem sehr weit weg zu sein.

Vor dem Palastbau gegenüber finde ich ein Schild, das eine Art Parcours durch die Kulissen vorschlägt. Mehr Führung gibt es nicht. Das Studiogelände wirkt eher wie notdürftig als Touristenattraktion hergerichtet. Irgendwo sind zwei Handwerker dabei, eine Holzattrappe zusammenzuzimmern, sonst ist niemand zu sehen.

Ich biege ein auf eine verwitterte Prachtallee, die bewacht wird von grimmig zu mir herabschauenden Sphinxen. Ihr nehmt euch ziemlich ernst, denke ich, dabei seid ihr ja doch nur aus Pappmaschee! Die Allee endet am Eingang eines gigantischen Hangars, dessen moderne Leichtbauweise die antike Illusion rundum etwas schmälert. Im dunklen Inneren allerdings sieht der Bau wie ein Tempel aus. Mächtige Säulen flankieren eine Halle, die Wände sind von Reliefs bedeckt, dazwischen stehen riesige Statuen tierköpfiger Gottheiten. Am Ende der Halle erkenne ich einen gigantischen Thron auf einem Podest. Ich trete näher, ein wenig abenteuerlustig wie Indiana Jones: Soll ich dort den Skarabäus an der Wand drehen? Vielleicht löst das eine Falle aus, und dann jagt mich eine gigantische Steinkugel durch die Säulenhalle. Als ich vorsichtig auf dem Thron Platz nehme, ist aber auch gleich wieder Schluss mit der Abenteurerfantasie. Der Blick gleitet nach oben, wo das Metallgerüst des Daches erkennbar ist – eben doch nur ein Hangar.

Russell Crowe als "Gladiator". Kulissen aus den Zeiten der Römer stehen nach wie vor auf dem Gelände der Atlas Studios. © action press

Durch einen Nebenausgang trete ich hinaus auf eine römische Allee, die bestimmt einmal Russell Crowe als Gladiator unter den Sandalen hatte. Dann entdecke ich die Arche und bald darauf die Hunde, die mich leider zum ungeordneten Rückzug zwingen. Wieder auf den Beinen, sehe ich zwischen Rom und Ägypten einen roten Ferrari. Auch der entpuppt sich allerdings bei näherer Betrachtung als Attrappe aus Fiberglas und Plastik. Hinter dem römischen Stadttor lande ich unerwartet in einem tibetischen Tempel, dessen zahlreiche Buddhastatuen besonders belämmert grinsen. Der Tempel ist eine Hinterlassenschaft von Scorseses Kundun über das Leben des jungen Dalai Lama. Dafür ließ der Regisseur damals einen Linienflieger voll nordindischer Bauern anreisen; er brauchte in den marokkanischen Kulissen Statisten mit dem ethnisch korrekten Flair.

Nachdem ich lange durch das weitläufige Labyrinth von Kultur zu Kultur und von Epoche zu Epoche gestolpert bin, stehe ich plötzlich vor dem Nichts. Durch eine offene Tür blicke ich in die Wüste, die sich in Wellen bis zu den Bergen am Horizont erstreckt. Kein Zaun, keine Mauer schirmt das Gelände ab. Meine Augen müssen sich neu an das Licht gewöhnen, dann bemerke ich weit draußen die Umrisse einer Burg. Langsam kommen mir von dort zwei schwitzende, staubige Männer mittleren Alters entgegen, fluchende Briten mit verbrannter Haut. Die Lehmburg dort draußen ist das Set einer berühmten Szene aus Game of Thrones, in der die Drachenkönigin Daenerys Hunderte von Sklaven befreit und dafür von ihnen auf Händen getragen wird. Leider ist die Burg abgesperrt – und der Weg durch die glühende Hitze bis zum Tor offenbar viel weiter, als die beiden Touristen würdevoll hatten bewältigen können.

Martin Scorsese verlegte das Gelobte Land für "Die letzte Versuchung Christi" in den Staub von Ouarzazate. © A.P.L. Allstar Picture Library

Also belasse ich es bei dem Fata-Morgana-artigen Anblick aus der Ferne. Und besteige lieber noch einen bombastischen Tempel, von dessen Plateau aus man die Ebene überblicken kann. Ich fühle mich winzig inmitten der gewaltigen Anlage. Doch einmal ans Bein der Statue geklopft, die da oben finster in die Ferne starrt – hohl. Alle Machtgesten hier sind vergänglich und falsch, alles ist trügerische Fassade. So steigere ich mich hinein in den abgründigen Kitzel einer typisch postmodernen Paranoia: Ist nicht die ganze Welt ein gigantischer Fake, ein Filmset, gebaut nur für uns, so wie für Jim Carrey in der Truman Show? Man stapft, so gut wie allein gelassen, durch die Ruinen einer untergegangenen Zivilisation – nicht bloß der ägyptischen oder der römischen, sondern der eigenen. Die Kadaver der Entertainment-Industrie verrotten in der Wüste wie angeschwemmte Wale. Und solange mich nicht wieder ein paar ignorante Hunde aufscheuchen, genieße ich es, noch für eine Weile der melancholische Held und Schöpfer meiner persönlichen Weltuntergangsfantasie zu sein.

Informationen über Studiobesuche gibt die Website des Hotels auf dem Gelände: hotel-oscar-ouarzazate.com/cinemastudios