Der Bergdoktor

Ich weiß nicht, wann mich der Virus befiel, aber seit ich ihn habe, träume ich davon, Patientin bei Dr. Martin Gruber zu sein. Von seiner Praxis aus hat man den schönsten Panoramablick auf den Wilden Kaiser in Tirol – und wen das allein nicht genesen lässt, der fühlt bald den gütig forschenden Blick des Arztes auf sich ruhen: "Was kann ich für Sie tun?" Im Traum schildere ich ihm meine Beschwerden, der Doktor nickt und schreibt etwas in meine Krankenakte, dann nimmt er mir Blut ab, und bei der Laboranalyse unten im Tal, im blitzsauberen Klinikum von Hall, kommt das mit Dr. Gruber befreundete, kabarettistisch begabte Demnächst-Ehepaar Dr. Vera Fendrich und Dr. Alexander Kahnweiler flugs darauf, dass meine Sauerstoffsättigung verrücktspielt. Und der Hämoglobinwert, nun ja.

Die Diagnose ist simpel: Ich habe mich mit dem Bergdoktor-Virus infiziert. Für mich muss Dr. Gruber keine Medikamententests stoppen oder an einem Rettungsheli der Bergwacht baumeln. Mir hilft es, dass er regelmäßig vorbeischaut: donnerstags, 20.15 Uhr, im ZDF. Dann läuft er nämlich, Der Bergdoktor, untermalt von Take Thats Patience, und Gary Barlows Falsettstimme reißt den Himmel über dem Kaiser auf, dem Wilden wie dem Zahmen. Diese Woche läuft die letzte Folge der 12. Staffel, und wie jedes Jahr frage ich mich, wo ich jetzt bloß hinsoll mit meiner Bergsehnsucht und meinem Hb-Wert.

Braust der Gruber Martin in seinem alten nickelgrünen Mercedes-Benz 200 (Baureihe 123) durch den Sonnenschein, weiß ich: Es gibt kein noch so verzwicktes Rätsel der Medizingeschichte, das er als gemeiner Landarzt nicht wird lösen können – unterhalb von Stammzellenspenden fängt er im Grunde gar nicht an zu therapieren. Der Gruber Martin ist der Dr. House des zur Fernsehserie mutierten deutschen Heimatfilms. Nur mit mehr Natur drumherum. Sehe ich den Martin, wie sein Blick in die Weite schweift, sehe ich mich selbst, glückselig kraxelnd: auf dem Kopftörlgrat, bei der Halten-Überschreitung (kleine Halt, Gamshalt, Ellmauer Halt), auf der Ackerlspitze. Der Bergdoktor ist für mich als Gefangene der norddeutschen Tiefebene ein leibgeistiges Überlebenstraining. Das erfordert, dass ich mich minutiös an die Termine des Doktors halte; über die Mediathek eingenommen, wirkt seine Medizin nämlich nicht. Schlimm, sehr schlimm, wenn mein Hamburger Mitbewohner donnerstags den Fernseher okkupiert.

Obwohl der Bergdoktor natürlich auch im Flachland verstanden werden soll, gehören zur Besetzung ein gebürtiger Steirer (der Martin), eine echte Tirolerin (die Lilli, seine Tochter), eine Münchnerin (d’Mama) und ein Schweizer (der böse Onkel Ludwig). Mundart schafft Authentizität, das wissen die Serienmacher. Nur die Krankheiten werden konsequent von Hochdeutschen eingeschleppt. Schlummernde Prostata-Karzinome, Asperger-Syndrome, transplantierte Herzen und/oder Lebern – als wartete die halbe Bundesrepublik am Grenzübergang von Kiefersfelden auf einen Termin, drüben in Ellmau. Nicht jeder Fall ist heilbar, sagt der Martin, und Wunder sind rar. Aber jedes Mal gibt es so etwas wie den Triumph des kleinen 90-Minuten-Dramas über das große Drama da draußen. Wem ein zweites Leben geschenkt wird, weil er aus dem Koma erwacht, der hadert nicht mit den Hirschhornknöpfen von der FPÖ. Und wer das Totenkirchl bezwingt, dem ist auf grandiose Weise ohnehin alles wurscht.

Seine Wurzeln hat der Martin auf dem Gruberhof, den die Mama mit dem Hans bewirtschaftet, seinem etwas sprunghaften Bruder. Auch im Privaten geht es hier hoch her, uiuiui. Am Grubertraktor aber klebt nicht die kleinste Ackerkrume, aus dem Gruberstall dringt nicht das leiseste Muh (trotz der guten Grubermilch!), und die Bangkirai-Terrasse, auf der die Grubers frühstücken, schwebt wie ein Infinity-Pool über dem Tal mit seinen Abgründen. So viel Krise. So viel Glück. In dieser Idylle nimmt der Martin morgens seinen Kaffee, und dann klingelt auch schon wieder das Telefon und er eilt – "Have a little patience" – neuen hormonellen Entgleisungen und Immundefekten entgegen.