Er will es noch einmal wissen. Bernie Sanders, Senator aus Vermont, selbst ernannter "demokratischer Sozialist" und mittlerweile 77 Jahre alt, hat in dieser Woche seine Präsidentschaftskandidatur bekannt gegeben. Das wirft zwei interessante Fragen auf. Erstens: Ist seine Kandidatur ein Zeichen dafür, dass der Sozialismus als ideologische Alternative zurückkehrt, gemäß der alten These von der amerikanischen Vorreiterrolle in Sachen gesellschaftliche Trends? Oder trägt – zweitens – die Entscheidung nur dazu bei, dass am Ende Donald Trump wiedergewählt wird, weil die Mehrheit der Amerikaner mit den radikalen Ideen eines Sanders nichts anfangen kann?

Fangen wir mit dem Sozialismus an. Bernie Sanders will: Eine Krankenversicherung, die allen offensteht. Höhere Steuern für Spitzenverdiener. Einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn. Mehr Engagement beim Klimaschutz. Das klingt nicht unbedingt nach Venezuela, sondern eher nach Dänemark, Schweden oder Norwegen. Was die Amerikaner Sozialismus nennen, ist im europäischen Kontext eher eine Spielart der Sozialdemokratie.

So gesehen steht die Kandidatur von Sanders genau wie der Aufstieg dezidiert linker demokratischer Politiker in den USA wie Alexandria Ocasio-Cortez oder Elisabeth Warren für eine Neuausrichtung der sozialdemokratischen Programmatik. Oder anders gesagt: Sanders, Ocasio-Cortez und Warren läuten so etwas wie die dritte Phase der Sozialdemokratie ein.

Die erste Phase begann in den späten Sechzigerjahren und dauerte bis Ende der Siebzigerjahre. Sie zeichnete sich durch ein fast blindes Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Staates aus und endete fast überall in der westlichen Welt mit deutlich gestiegenen Staatsschulden. Die zweite Phase begann in den Neunzigerjahren, als Bill Clinton in den USA, Tony Blair in Großbritannien und Gerhard Schröder in Deutschland an die Macht kamen. Sie wollten beweisen, dass Sozialdemokraten sehr wohl mit Geld umgehen konnten, und verschrieben sich mehr oder weniger dem neoliberalen Zeitgeist. Das ging eine Zeit lang gut, hat aber mit dazu beigetragen, dass in fast keinem der großen Industrieländer heute sozialdemokratische Parteien regieren, weshalb jetzt sogar die deutsche SPD umschwenkt.

Nun muss man nicht alles, was die Amerikaner vormachen, gleich nachmachen. Der "Green New Deal" etwa, den Ocasio-Cortez vorschlägt, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er teuer ist. Doch immerhin trauen sich die Demokraten, wieder groß zu denken – genauer gesagt: Vorschläge zu machen, deren Dimension der Dimension der Probleme ansatzweise gerecht wird.

Hieß es nicht auch, dass Trump nie Präsident werden könne?

Und noch etwas hat sich geändert: Die neoliberale Revolution der Neunzigerjahre konnte sich auf den damaligen Stand der Wissenschaft berufen. Doch heute wissen Ökonomen, dass zu wenig Umverteilung genauso schädlich sein kann wie zu viel. Es ist eben schwer, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu organisieren, wenn wenige viel haben und viele wenig. Die USA, wo das reichste Prozent der Haushalte fast 40 Prozent des gesamten Volksvermögens kontrolliert, sind dafür das beste Beispiel.

Was zu der Frage führt, ob Leute wie Sanders dem amerikanischen Wähler überhaupt zu vermitteln sind. Schließlich, so sagt man, lieben die Amerikaner ihre Freiheit und können mit dem Sozialstaatsgedanken nichts anfangen. Das stimmt zwar, aber hatte man nicht auch gesagt, dass Trump nie Präsident werden könne? Möglicherweise ist die Unzufriedenheit mit den Verhältnissen inzwischen so groß, dass die alten Weisheiten nicht mehr gelten.

Was dafür spricht: Die Ideen von Sanders und seinen Mitstreitern kommen vergleichsweise gut an. In der letzten repräsentativen Umfrage von Anfang Februar sprachen sich 45 Prozent der befragten Amerikaner für den Vorschlag von Ocasio-Cortez aus, Einkommen von über zehn Millionen Dollar mit einem Spitzensteuersatz von 70 Prozent zu belegen. Die von Elisabeth Warren geforderte Vermögensteuer finden sogar 62 Prozent gut. Nun sind Umfragen keine Wahlergebnisse – aber es ist eben auch nicht so, dass die Wähler jede Art von radikalerer Programmatik bestrafen. Dafür ist in den vergangenen Jahren zu viel geschehen.