Die aufsteigenden jungen Helden seiner Zunft nannte der Schauspieler Bruno Ganz einmal "Ironiker-Stars". Damit meinte er wohl deren Fähigkeit, eine Figur spöttisch zu kommentieren, während man sie spielt. Indem man sie auf dem Samtkissen der Ironie trägt, denunziert man sie. Man gibt dem Publikum ein selbstherrliches Signal: Ich hätte auch jede andere Rolle in diesem Stück haben können. Denn es geht hier eigentlich um mich.

So ist es bei Bruno Ganz nie gewesen. Wenn er eine Rolle spielte, wurde für ihn jede andere Figur im Stück unlesbar. Er schloss sich in der gewählten Gestalt ein. Er war nun mit ihr (und in ihr) allein. So hat er die Besten gespielt (etwa den Engel Damiel in Der Himmel über Berlin, 1987), und so hat er den Schlimmsten gespielt (Hitler in Der Untergang, 2004). Ganz und seine Rolle: Das war die intimste Form von Gesellschaft. Ein Flor von Einsamkeit umgab ihn. Aber es war nicht die Einsamkeit eines Ausgestoßenen, sondern eine selbst gewählte; es war die Einsamkeit eines Erzählers.

Als sein Zuhörer lebte man immer im Mangel: Man hätte diesen wortkargen, weichen, trockenen Menschen aus der Schweiz gern mehr sagen hören. Man hätte gern gewusst, was er alles nicht sagen wollte. Aber zu einem Redner war er nicht geboren: Jeder Satz wurde, ehe Ganz ihn sprach, auf seine Belastbarkeit überprüft.

Zur Welt kam er 1941 in Zürich, doch zum maßgeblichen Schauspieler wurde er unter der Fuchtel des knurrend-genialen deutschen Intendanten Kurt Hübner in Bremen. Man nannte es das Bremer Theaterwunder, damals arbeiteten drei Männer unter Hübners Dach, die das deutsche Theater für Jahrzehnte prägten: Peter Zadek, Wilfried Minks und Peter Stein. In Bremen spielte Ganz den Tasso, seine erste unsterbliche Arbeit: der Hofdichter als überzüchteter Paradiesvogel. Nach einem Zürcher Intermezzo ließ er sich in Berlin nieder. Dort wirkten, an der Schaubühne am Halleschen Ufer, zwei gegensätzliche Köpfe, die seine prägenden Regisseure wurden: Peter Stein und Klaus Michael Grüber.

Stein war der Prunk- und Zeremonienmeister, welcher seine Inszenierungen mit Kunst-Zeichen überlädt, der Hirte, der dafür sorgt, dass keine Bühnenkreatur unserer Gleichgültigkeit zum Fraß hingeworfen wird. Grüber hingegen führte seine Schauspieler als "Zeichen" einer unlesbaren Schrift oder einer ausgestorbenen Sprache – eher dem Verstummen als der Aufklärung verpflichtete Nomaden. Stein und Grüber hielten die Schaubühne in Spannung und Balance. Und Ganz war beider Protagonist.

Dass der Melancholiker sich mit beiden verstand, lag wohl auch daran, dass beide etwas Süddeutsches, dem Schweizerischen Verwandtes hatten. Unter Stein spielte Ganz den Prinzen von Homburg, den Schriftsteller Schalimow in Gorkis Sommergästen, den Oberon in Botho Straußens Park, später den Faust in einer 21-stündigen Totalaktion. Unter Grüber gab er Hamlet, Empedokles, Prometheus, Pentheus, Ödipus.

Er war an der Schaubühne der Spielpartner von Jutta Lampe, Peter Simonischek, Edith Clever, Otto Sander und vielen anderen. Und man sollte kurz bei Otto Sander bleiben, um in dessen Licht Bruno Ganz genauer zu beschreiben. Otto Sander, mit dem er in den Wim-Wenders-Filmen Der Himmel über Berlin und In weiter Ferne, so nah! eine engelhafte Unsterblichkeit erlangt hat, ist ein komplementärer Künstler gewesen, ein Gegensatz, der Bruno Ganz besser kenntlich machte.

Sanders Spiel kam aus der Peinlichkeit. Schon als Sechsjähriger habe er unter beklemmender Schamhaftigkeit gelitten, erzählte Sander einmal. Seine roten Haare schienen weithin sichtbar zu brennen, und wenn er einen Raum durchqueren musste, fühlte er die Blicke der Leute auf der bleichen, sommersprossigen Haut. Aus der Not wurde, in einer rettenden Wende, sein Beruf: Er zog, da es keinen Ausweg gab, die Blicke bewusst und biegsam auf sich. Er lernte es, Angst, Einsamkeit, Panik produktiv zu machen: Er spielte mit alldem, und zwar so, dass seine Zuschauer nicht mehr ihn begafften, sondern in ihm sich selbst studierten.

So war einem als Zuschauer nicht zumute, wenn man Bruno Ganz spielen sah. Scham gegenüber anderen war sein Problem nicht, eher schon eine von gesellschaftlichen Zusammenhängen unabhängige Daseinsfremdheit, eine Scheu, Gelegenheiten zu ergreifen. Als Teil einer Hierarchie konnte man ihn sich nicht vorstellen. Schande kümmerte ihn nicht. Es war etwas "Unmännliches" im Spiel dieses mutigen und attraktiven Mannes – ein Widerwillen gegen das Konkurrieren, Aufschneiden, Triumphieren und sogar gegen das Gewinnen. Wenn er recht hatte, behielt er es für sich. Wenn er mannschaftsdienlich war, dann stets im Geheimen. Das Autoritäre war ihm zu blöd. Widerstand verkörperte er, indem er sich abwendete. Kurzum: Ganz war kein Komiker, der einem mit seinen Stürzen die eigene Peinlichkeit abnahm. Er war einer jener isoliert-majestätischen Schauspieler, über die man nicht lacht – allerhöchstens hat man, in seltenen Momenten, mit ihm gelacht (man sehe sich Wim Wenders’ Amerikanischen Freund noch einmal an).

Immer wieder war er der kongeniale Uraufführungsschauspieler der großen deutschsprachigen Theaterautoren – Thomas Bernhard, Peter Handke, Botho Strauß. In Bernhards Der Ignorant und der Wahnsinnige (1972 bei den Salzburger Festspielen von Claus Peymann herausgebracht) war er der von der Kunst besessene, an ihr irre werdende Arzt. Woraufhin Bernhard als Widmung in eins seiner folgenden Stücke (Die Jagdgesellschaft) "Für Bruno Ganz, wen sonst" schrieb.

In Peter Handkes Ritt über den Bodensee, einem Stück über die "falsche Natur" des gesellschaftlichen Lebens, aber auch über die ebenso falschen, "dem Gesetz von Angebot und Nachfrage" folgenden Darstellungsformen des Theaters, trat er 1970 im Rollennamen "Heinrich George" auf. In Handkes Die Unvernünftigen sterben aus spielte er, bei Peter Stein, 1974 den ziellos tückischen, die Gesetze des Marktes am Ende auf alles (und sich selbst) anwendenden Unternehmer Quitt.

Es war, wenn man ihn spielen sah, unbestreitbar, dass hier einer seine Sätze nicht im Auftrag anderer sprach, dass hier keine Botschaften ausgerichtet wurden, sondern dass dieser Spieler dem Autor mit eigenem Wissen in den Weg trat. Ganz war nicht Spielball fremder Entwürfe, Ideen, Pläne (wie es ja einige der besten komischen Schauspieler sind) – er war in viel höherem Maß Urheber der Geschichten, in denen er mitspielte, als er es erkennen ließ. Er war der Widerstand, um den das Spiel herumfloss.

Man konnte ihn sich nicht in Hast vorstellen, im Straucheln, auf der Flucht. Seine Kunst war das Innehalten, das Sich-Befragen, der Blick in den Spiegel. Er ging in dem, was er tat, nicht vollständig auf. Er war der exemplarische Nicht-Mitmacher.

So hat er selbst den beklemmendsten Umständen Weite und Atem gegeben. Es war wohltuend, als Zuschauer mit Bruno Ganz allein zu sein. Man war mit ihm nie am falschen Ort.