"Bedingt abwehrbereit": Mit diesem Bericht über die Bundeswehr löste der Spiegel vor einem halben Jahrhundert eine Staatskrise aus; Verteidigungsminister Franz Josef Strauß musste wegen Machtmissbrauchs gehen. Heute ist die Armee allenfalls "bedingt kampfbereit", obwohl der US-Schutzschirm wackelt und der Druck aus Russland wächst.

Was folgt daraus? Auf der Münchner Sicherheitskonferenz lieferten unsere Großpolitiker drei Antworten, die kein Ganzes ergeben. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) forderte: "Wir Europäer müssen (in der Nato) mehr in die Waagschale legen." Stolz meldete sie, der deutsche Verteidigungshaushalt sei seit 2014 um 36 Prozent gestiegen; also "stehen wir zu unserer Verantwortung". Geld ist gut. Wie aber die Verantwortung auszufüllen sei, verriet sie nicht.

SPD-Außenminister Heiko Maas zog einen anderen Schluss. Gerade weil die Welt "geopolitisch ungemütlicher" werde, müsse Deutschland auf "Zusammenarbeit und multilaterale Verständigung" setzen. Der Zungenbrecher "Multilateralismus" ist zum Heiligen Gral deutscher Außenpolitik geworden. Ein strategisches Konzept liefert er nicht.

Erstens bildet der M. den kleinsten gemeinsamen Nenner ab. Folglich löst er schwierige Entscheidungen im wohligen "Wir" auf – bis hin zum Nichtstun, wenn Einigkeit ausbleibt. Zweitens greift Schillers Warnung: "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt." Putin nimmt den M. nicht in den Mund, sondern greift nach einseitigem Vorteil. Dito Trump. Peking feiert den M., während es Expansionspolitik betreibt. M. wie "Macht" schlägt M. wie "Multilateralismus".

Merkel steht irgendwo in der Mitte. Sie redet sich Putin nicht schön, macht auch Moskau verantwortlich für den Bruch des INF-Vertrages, der Mittelstreckenwaffen verbietet. Gegenrüstung aber komme nicht infrage. Außerdem müsse die Gaspipeline Nord Stream 2 sein, um Russland bei der Stange zu halten. Zugleich betont die Kanzlerin, dass der Verteidigungshaushalt von 1,35 auf 1,5 Prozent steigen werde.

Freilich ergeben Prozente noch keine Strategie. Auch keine Kampfkraft, die ein Staat in gefährlichen Zeiten parat haben muss. Der Bundeswehr fehlt nicht das Geld (2019 gibt es fast fünf Milliarden mehr), sondern die Fähigkeit. Wer es genau wissen will, möge sich den 126-Seiten-Bericht des Wehrbeauftragten durchlesen. Weniger als die Hälfte der Panzer, Schiffe und Jets sind einsatzbereit. Sechs von sechs U-Booten dümpeln im Dock. Von 180.000 Soldaten auf dem Papier sind vielleicht 10.000 einsetzbare Kampftruppen.

Dies zu konstatieren heißt nicht, Kriegslust zu schüren oder Diplomatie kleinzuschreiben. Aber wer "Verantwortung" predigt, muss das Wörtchen "tätige" davorsetzen. Wer wie Merkel die Nato schätzt ("Ja, wir brauchen die") und Trump wie Putin misstraut, muss Kampfkraft und Mobilität stärken. Putin ist kein Hasardeur, aber er weiß, wie man Druck aufbaut, um einzuschüchtern und abzukassieren. Folglich muss der kluge Staat Diplomatie und Verteidigung als Doppelpack begreifen. U-Boote, die tauchen, und Jets, die fliegen, schärfen das Risikokalkül des Gegners. Umso fruchtbarer wird dann die Win-win-Zusammenarbeit sein, die Merkel in München zelebriert hat. Gute Zäune machen gute Nachbarn.