DIE ZEIT: Frau Lagarde, die Aussichten für die Konjunktur trüben sich weltweit ein. Droht eine neue Rezession?

Christine Lagarde: Wir erwarten keine Rezession, aber klar ist: Das Wirtschaftswachstum wird sich verlangsamen. Die weltweite Wirtschaftsleistung wird nach unserer neuesten Prognose 2019 um 3,5 Prozent zulegen, bislang waren wir von einem Plus von 3,7 Prozent ausgegangen.

ZEIT: Was bedeutet das für Deutschland?

Lagarde: Wir haben unsere Prognose für das deutsche Wachstum bereits deutlich reduziert: von 1,9 auf 1,3 Prozent. Wir werden sie wahrscheinlich noch weiter nach unten korrigieren, um einem schwächeren ersten Quartal Rechnung zu tragen – erwarten jedoch, dass sich die Wirtschaft im Jahresverlauf 2019 wieder erholt.

ZEIT: Woher kommt die Schwäche?

Lagarde: Ein wichtiger Grund sind die Probleme der Automobilindustrie, die vor erheblichen Herausforderungen steht. Aber wir stellen auch fest, dass die ausländische Nachfrage nach deutschen Produkten nachlässt.

ZEIT: Es liegt also am amerikanischen Präsidenten und seinem Handelskonflikt, wenn es in Deutschland bergab geht?

Lagarde: Die unmittelbaren Folgen der höheren Einfuhrzölle sind bislang nicht allzu groß: Davon sind weltweit ungefähr Waren im Wert von 480 Milliarden Dollar betroffen. Das ist, gemessen an der globalen Wirtschaftsleistung, insgesamt nicht sehr viel. Viel schwerer wiegt, dass die Unternehmen und die Investoren wegen der Handelsstreitigkeiten an Zuversicht verlieren, auch wenn sich dieser Effekt nicht so genau beziffern lässt.

ZEIT: Nun erwägt Donald Trump, Automobileinfuhren aus Europa mit Strafzöllen zu belegen. Wie sollte die Staatengemeinschaft reagieren, wenn der Abschwung doch kommt?

Lagarde: Das Problem ist: Dann haben wir weniger Spielraum als in früheren Zeiten, um darauf zu reagieren. Das gilt vor allem für die Geldpolitik. Die Zentralbanken senken ihren Zinssatz typischerweise um fünf Prozentpunkte, um die Wirtschaft im Fall einer drohenden Rezession zu stützen. Das geht aber nicht, wenn der Zinssatz bei einem, bei zwei oder, wie im Fall der Euro-Zone, bei null Prozent liegt. Das bedeutet, dass die Regierungen mehr tun müssen.

ZEIT: Sie sollen Geld ausgeben?

Lagarde: Wenn sie es sich leisten können. Was Deutschland angeht, ist das eindeutig der Fall. Der deutsche Staat könnte mit mehr Geld einige sinnvolle Dinge anstellen, zum Beispiel in die Modernisierung der öffentlichen Infrastruktur investieren oder die Kinderbetreuung ausbauen. Das wären Projekte, die die Wachstumskräfte stärken und die Deutschland angehen sollte.

ZEIT: Finanzminister Olaf Scholz sagt, dass er das Ziel eines ausgeglichenen Staatshaushalts nicht aufgeben will. Können Sie das nachvollziehen?

Lagarde: Ich habe diese Diskussion mit einigen deutschen Finanzministern geführt. Ich bin der Meinung, dass Deutschland mehr investieren könnte – und davon profitieren würde.

ZEIT: Scholz sagt auch: Selbst wenn er mehr Geld bereitstellen würde, würde es nicht abgerufen werden, weil die Baufirmen ausgelastet sind oder weil die Genehmigungsverfahren so lange dauern.

Lagarde: Dann muss man sich darum kümmern und zum Beispiel die Genehmigungsverfahren vereinfachen.

ZEIT: In Deutschland wird gerade darüber diskutiert, ob der Staat die Steuern senken oder die Ausgaben erhöhen sollte, um die Konjunktur zu stützen. Was halten Sie für sinnvoller?