Das Wunschabzeichen – Seite 1

Was treibt Politiker in Deutschland dazu, Kopf und Karriere zu riskieren, um sich mit dem Dr. zu schmücken?

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Schon wieder steht eine Politikerin im Feuer. Franziska Giffey, die Familienministerin, soll bei ihrer Dissertation geschummelt haben. Davor war es Annette Schavan. Die Bildungsministerin verlor Amt und Titel. Die rührige Margarita Mathiopoulos, die zwischen Politik, Wissenschaft und Business changierte, darf sich auch nicht mehr "Frau Doktor" nennen. Und so geht es weiter am Pranger der akademischen Moral.

Die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin musste zugeben: "Dass meine Doktorarbeit kein Meisterstück war, weiß ich seit elf Jahren." Jetzt darf sie sich nicht mehr als Frau Doktor anreden lassen. Der berühmteste unter den Männern ist Karl-Theodor zu Guttenberg. Der Shootingstar der CSU und Wirtschafts- wie Verteidigungsminister nannte den Plagiatsvorwurf im ersten Anlauf "abstrus". Die Universität Bayreuth formulierte es so: "Der Freiherr ... hat vorsätzlich getäuscht." Getäuscht hat er auch das Parlament. Er verschwand im amerikanischen Exil.

An die zwanzig mehr oder minder berühmte Menschen sind in die Falle der Fußnoten und Zitate geraten. Manche wie Frank-Walter Steinmeier ("handwerkliche Schwächen") oder Norbert Lammert, der frühere Parlamentspräsident ("vermeidbare Schwächen"), wurden salviert. Andere verloren Titel und Amt. Und so mancher Unentdeckte wird sich in schlaflosen Momenten fragen, wann er oder sie als Mogelkünstler erwischt wird. Die Mühlen der akademischen Gerechtigkeit mahlen langsam.

Fiat iustitia. Das Wahlvolk nickt zufrieden, wenn die Großen auf Normalmaß gestutzt werden und mit dem Titel auch die Macht verlieren .

Trotzdem entstehen Fragen, die nachdenklich machen. Wieso in Deutschland, warum nicht überall in einer Welt, wo doch der Mensch als solcher gern nach Anerkennung und Hervorhebung strebt? Wieso gelang es den Entlarvten, so lange unerkannt zu bleiben? Hat nicht auch der Doktorvater, hat nicht auch die Universität geschludert? Schließlich: Was treibt die Aufsteiger dazu, Kopf und Karriere zu riskieren, um sich mit dem Dr. zu schmücken?

Nützlich ist ein Blick in die angelsächsische Welt. In Amerika und Großbritannien sind der Ph.D. und der DPhil keine Rangabzeichen. Sie bekunden vielmehr, dass der Proband den langen Weg vom Studenten über den B. A. (Baccalaureus Artium) und M. A. (Magister Artium) zum Ph.D. (Philosophiae Doctor) gemeistert und die höchsten professionellen Weihen errungen hat.

In der angelsächsischen Welt bezeugen die drei Buchstaben Ph.D. nicht Sozialstatus, sondern intellektuelle Leistung, gepaart mit anstrengender Forschung. Niemand redet diese Leute mit "Mr. Dr." an – bis auf die Ärzte; die heißen Dr. Smith oder Dr. Jones. Die Ausnahme ist Henry Kissinger. Als der von Harvard ins Weiße Haus gelangte, wurde ihm von seinen Untergebenen das ehrfürchtige "Dr. Kissinger" zuteil – oder ganz knapp Dr. K. Die Anekdote dazu: Als Kissinger Außenminister wurde, fragten ihn die Reporter: "Henry, wie sollen wir Sie nun nennen? Dr. Kissinger, Mr. Secretary, Professor?" Er wies sie zurecht: "Mir sind Protokollfragen egal. 'Eure Exzellenz' reicht."

Anders als der deutsche Dr. sind Ph.D. und DPhil der Ausweis der Lehrfähigkeit, weshalb die Angelsachsen keine Habilitation kennen – diese unsägliche Fleiß- und Fronarbeit, die den Weg zur Professur trassieren soll. Daraus folgt, dass der Ph.D. eine höhere Hürde aufstellt als der deutsche Doktor. Die Dissertation soll bezeugen, dass der Student ein originelles Thema aufgegriffen und mit rigoroser Recherche bewältigt hat.

In diesem Sinne verhält sich das Anglo-Professoriat wie eine deutsche Handwerkerinnung. Der Erwerb des Doktorhutes entspricht im deutschen Handwerk dem mühseligen, streng regulierten Verlauf vom Lehrling über den Gesellen bis zum Meister. Beide Systeme wachen eifersüchtig darüber, dass Schlamp und Schund nicht Ehre und Einkommen der Zunft beschädigen. Der Weg zum Meister ist steinig, die Prüfungen sind hart.

Die Sahne auf dem Kuchen muss sein

Warum deutsche Professoren Politiker-Dissertationen absegnen, die irgendwann für zu leicht befunden werden, bleibt ein Geheimnis. Eine mögliche Antwort: Der Dr. ist ja nur ein Dr. – kein Einfallstor in die Gilde, wo die Habilitation den Zugang rationiert und die Qualität sichert.

Weil Ph.D. und DPhil langwierige, schweißtreibende Arbeit erfordern, geraten amerikanische und britische Politiker gar nicht erst in Versuchung, mal nach dem Abendessen oder zwischen Sitzungstagen und Wahlkreispflege schnell ein paar Seiten zu diktieren. Oder tagsüber ihre Assistenten zu bemühen. Der Beruf des angelsächsischen Politikers ist die Politik, das aufzehrende Ringen um Macht und Aufstieg. Den Ausschussvorsitz oder öffentliche Aufmerksamkeit zu ergattern ist bei Weitem glorreicher als ein akademisches Ehrenabzeichen. Denn dieses dient weder dem Ruhm noch der Karriere. Man bleibt anständig, weil akademische Schummelei nichts bringt.

Doch in Deutschland zählen der Herr Doktor oder die Frau Doktor auch in der Politik. Bildungsministerin Giffey, die großartige Leistungen als Bürgermeisterin des Berliner Problembezirks Neukölln geleistet hat, unterschreibt manchmal Briefe mit "Dr. Franziska Giffey"; die Sahne auf dem Kuchen muss sein. Obwohl Guttenberg mit einem Adelstitel geboren wurde, wollte er unbedingt noch die bürgerliche Auszeichnung dazuhaben. Versucht man, den statusfördernden Wert des Doktortitels zu erklären, muss man in die deutsche Geschichte einsteigen.

Ganz grob liefert die Machtfrage einen Fingerzeig. Mit der Vereinigung des Reiches unter Bismarck trat Deutschland in eine rasante Modernisierung ein, die das Land in einen wirtschaftlichen Giganten verwandelte. Das Bürgertum stieg auf, aber die Macht blieb in der Hand von Kaiser und Adel. Anders bei den Angelsachsen. In Amerika gab es weder König noch Aristokratie, die Macht lag seit Anbeginn bei der Mittelschicht. In England wurden die Royals nach und nach auf zeremonielle Funktionen zurückgedrängt. Doch das deutsche Bürgertum machte es sich im Herrenzimmer bequem, dort, wo hinter dem Glas des eichenen Bücherschranks Schiller, Lessing und Kant auf dem Altar des deutschen Idealismus prangten.

Das "Bildungsbürgertum", ein Begriff, den keine andere westliche Sprache kennt, verkaufte sein Erstgeburtsrecht sozusagen für den Ohrensessel im Reich der Innerlichkeit. Sein Adelsabzeichen war der Herr Doktor, nicht die blau-weiß-rote Kokarde des Republikanismus, die den Machtanspruch des Bürgertums im Westen symbolisierte. Dieser forderte nicht kulturelle, sondern politische Mitbestimmung. Ein typischer Vertreter des Verzichts war Thomas Mann. In seinen Betrachtungen eines Unpolitischen lehrte er, "Kultur" und "Seele" seien weitaus höher einzustufen als das platte "Stimmrecht" wie in den westlichen Demokratien. Im Reich der Kultur regierte der "Herr Doktor", nicht Offizier oder Kaiser.

Das mag erklären, warum der bürgerliche Adelstitel "Doktor" gerade in der zutiefst mittelständisch-egalitären Gesellschaft des heutigen Deutschlands eine so mächtige Faszination ausübt. Gelegentlich zeugt sie akademische Schluderei. Aber es lohnt sich, wenn man als Dr. Schmidt einen Tisch im voll besetzten Restaurant bekommt. "MdB" müsste eigentlich besser funktionieren, denn ein Abgeordneter ist nur einer von 700.

Ein Ph.D. bringt dagegen gar nichts (bis auf den Beweis der Lehrbefähigung). Die drei Buchstaben stehen denn auch bescheiden hinter dem Namen, derweil der "Doktor" am Anfang steht und Bestandteil des Namens in Deutschland ist. In Amerika hat es nur Kissinger geschafft, mit Dr. angeredet zu werden. Ansonsten bleibt der Titel den Ärzten vorbehalten. Die haben immerhin zehn, zwölf Jahre lang studiert und famuliert.

Um dem Vorwurf des Selbstplagiats zu entgehen, verweist der Autor auf sein Buch "Der gute Deutsche: Die Karriere einer moralischen Supermacht" (2018), dem Passagen in diesem Text entnommen wurden.